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Warum uns das Siezen der Klienten so wichtig ist

22.11.2017 · 12:39

geschrieben von: Dipl.-Psych. Michael Marterer, RC e.V. - E-Mail

Wir legen bei RC großen Wert auf Normalität im Umgang mit unseren Klienten. Dazu gehört auch, ihnen gegenüber die in unserer Gesellschaft unter Erwachsenen üblichen Kommunikationsregeln einzuhalten – das heißt, Klienten immer mit „Frau“ bzw. „Herr“ und dem Nachnamen anzusprechen.
Ich weiß, dass dies in der Behindertenhilfe eher unüblich ist, wie es überhaupt in unserer Gesellschaft regelmäßig vorkommt, Menschen, die nicht „dazu gehören“ den üblichen Respekt in der Anrede und im persönlichen Umgang zu verweigern. Geradezu grotesk mutet es an, wenn behinderte Menschen geduzt und mit Vornamen angesprochen werden, weil man glaubt, dass sie so beschränkt seien, nur auf Kindersprache zu reagieren.
Sicher haben Sie bei der Begegnung mit behinderten, alten und dementen Menschen oder auch Menschen mit Migrationshintergrund solche Situationen schon erlebt. 

Angesichts der Hilfebedürftigkeit der von uns betreuten Menschen, von denen viele völlig auf uns angewiesen sind und ihre Wünsche auch nicht ausreichend sprachlich artikulieren können, haben wir eine außerordentlich weitgehende Verfügungsgewalt über sie. Im Rahmen der Pflege und Betreuung greifen wir täglich in erheblichem Maße in ihre Intimsphäre ein.
Umso wichtiger sind eine respektvolle Haltung und die Wahrung der notwendigen professionellen Distanz. Das Siezen ist Ausdruck dessen, dass wir einen Klienten niemals als Objekt unseres pflegerischen und pädagogischen Handelns sehen dürfen, sondern jeden als individuelle Persönlichkeit achten, dessen Würde es in allen Situationen zu wahren gilt.
Gleichzeitig ist es Ausdruck des Erwachsenseins mit allen Rechten, aber auch Plichten angemessener gesellschaftlicher Orientierung und hilft insbesondere stark behüteten behinderten Menschen, die sie vermeintlich schützende Kinderrolle abzulegen.
Das „Sie“ steht Freundlichkeit, Empathie und Geduld nicht entgegen – im Gegenteil: es hilft dabei, sich immer wieder klar zu machen, dass jeder Klient auch Kunde unserer Dienstleistungen ist und selbstverständlich einen Anspruch darauf hat, wie ein Kunde behandelt zu werden.
Ich habe in den vielen Jahren meines Kontaktes mit behinderten Menschen nur in einem Fall ein „Du“ verabredet und dies mit einer meiner Klinikpatientinnen, mit der ich am Beginn der Enthospitalisierung die ersten Schritte nach vielen Jahren in die Gesellschaft unternahm.

Wie ich, werden auch Sie feststellen, dass ein „Sie“ weder Ihnen, noch dem Klienten im Wege steht, Sympathie, Vertrauen und Trost auch durch körperliche Nähe auszudrücken.

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