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Vom Betreuertag zum Teilhabebudget

18.08.2017 · 08:33

geschrieben von: Dipl.-Psych. Michael Marterer, RC e.V. - E-Mail

Der auch bei RC in etlichen Bereichen stattfindende Generationswechsel am Ende des ersten Vierteljahrhunderts unseres Unternehmens zeigt sich auch in einer kritischen Betrachtung bisher heiliger Kühe und, wenn dies aus heutiger Sicht sinnvoll oder notwendig erscheint, auch deren Schlachtung.

Für mich wird dabei deutlich, dass jahrzehntelange Erfahrung nicht nur von Vorteil ist, sondern auch die Gefahr birgt, liebgewonnene Überzeugungen nicht mehr infrage zu stellen.

Ich werde an dieser Stelle immer wieder über solche Beispiele berichten. Heute geht es um einen Wandel in der Betrachtung der Grundlagen unserer Dienstleistungsangebote.

Vielleicht kennen Sie die pädagogische Tendenz, Veränderungen gerne an sprachlichen Konventionen festzumachen. So wurde aus „Oligophrenen“ „Geistig Behinderte“, „Geistig behinderte Menschen“, „Menschen mit geistiger Behinderung“ und zuletzt, dem ICD 10 der WHO entsprechend, „Menschen mit Intelligenzminderung“. Da es offenbar Zeit ist, etwas Neues zu erfinden, und stets mit vermeintlicher Diskriminierung der Betroffenen argumentiert wird, konnte ich neulich in einem Vortrag die Bezeichnung hören „Menschen, die früher geistig behindert genannt wurden“, sowie „Menschen, die von manchen als geistig behindert bezeichnet werden“.

Ebenso verhält es sich bei der Bezeichnung der Ziele unserer pädagogischen Arbeit. Die ursprüngliche „Normalisierung“ (des Lebens behinderter Menschen) wurde durch ihre (gesellschaftliche) „Integration“ und nach der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention durch den Begriff der „Inklusion“ abgelöst.

Bei der Bewertung dieser Strömungen hilft mir nun wieder die Erfahrung seit Anfang der 70-er Jahre und insbesondere der Zeit der Psychiatriereform und der Enthospitalisierung von Menschen mit geistiger Behinderung (dies ist und wird voraussichtlich der von mir gebrauchte Begriff bleiben) aus psychiatrischen Einrichtungen. In dieser Langzeitbetrachtung zeigt sich, dass sprachliche „Modernisierung“ im wohlgemeinten Interesse, Diskriminierung zu vermeiden oder zu beenden, an der tatsächlichen Lebenssituation dieser Menschen wenig geändert hat, zumindest, wenn sie in stationäre Einrichtungen kommen, wie bei RC. Unsere Klienten und ihre Familien bzw. gesetzlichen Betreuer haben oft eine lange Odyssee von Heimaufenthalten oder der Heimsuche hinter sich und versuchen, weitere ‚Extegration’, also Isolierung und Ausgrenzung, zu verhindern oder Normalität ihres Lebens und soziale Integration erst zu erreichen. Schwer geistig behinderte Menschen, besonders wenn sie zusätzlich psychiatrische Auffälligkeiten haben und schwierige, besonders aggressive Verhaltensweisen zeigen, sind nicht nur von Inklusion weit entfernt, sondern auch von Integration und Normalität. Alle sprachlichen Veränderungen ihres Status und der Ziele ihrer Betreuung haben daran nichts geändert, und jede „Modernisierung“ sollte ihre Berechtigung aus der tatsächlich zu erwartenden Verbesserung der Lebensbedingungen ziehen.

Welche Konsequenzen haben wir aus dieser Erkenntnis bei RC gezogen und was wollen wir verändern?

Bisher haben wir die Klienten unserer Häuser in Wohngruppen mit bis zu neun Menschen betreut, die wir „familienähnlich“ nannten und deren Leben wir, außer im Bereich des Tagesbeschäftigungszentrums, überwiegend familienähnlich organisierten. Die Gruppen wurden so zusammengesetzt, dass ein möglichst reibungsfreies Zusammenleben zu erwarten war, und die Betreuung erfolgte durch ein festes Team an Mitarbeitern. Aus heutiger Sicht ist dies immer noch die Reaktion auf die frühere Funktionsbetreuung in psychiatrischen Anstalten mit Stationen, Funktionsbereichen und einer großen Zahl an Mitarbeitern, die für sämtliche Klienten zuständig waren ohne die persönliche Zuordnung, die später im Rahmen der Gruppenbetreuung gegeben war. Da seither die individuelle Betreuung selbstverständlich ist, kann man es sich leisten, die Nachteile der Gruppenbetreuung zu betrachten. Übersehen wird bei den kleinen Betreuungsgruppen nämlich, dass es sich weder um familienähnliche, noch um freundschaftlich verbundene Gruppierungen handelt, sondern um Zwangsgemeinschaften von Menschen, die in einer stationären Einrichtung leben und damit auf einen erheblichen Teil normaler und für nicht behinderte Menschen selbstverständlicher Lebensbedingungen verzichten müssen. Wenn wir uns vor Augen halten, welche Schwierigkeiten es bei der Abstimmung persönlicher Eigenarten, Erwartungen und Haltungen in Wohngemeinschaften nicht behinderter Menschen gibt, die sich ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen selbst suchen und jederzeit verändern können, können wir uns vorstellen, wie „familiär“ Klienten in unseren Lebensgemeinschaften es wohl empfinden mögen, wenn ihre Mitbewohner und Tischnachbarn aggressiv sind, unästhetische Verhaltensweisen zum Beispiel beim Essen zeigen, in fremde Teller greifen, schreien und anderes mehr. Wir nehmen in unserem Alltag nicht einmal kurzfristig ein solches Ambiente hin.

Fatalerweise fällt es uns Helfern in aller Regel nicht ein, uns in die Situation der Bewohner hineinzuversetzen und zu empfinden, wie es uns ginge, käme jemand, brächte uns in eines der Zimmer einer unserer Einrichtungen und machte uns klar, dass hier unser künftiges Leben stattfinden solle. Dieser blinde Fleck war auch der Anlass für unser Konzept der sogenannten Perspektivübernahme, bei der Mitarbeiter die Rolle eines Klienten einnehmen und ihre Eindrücke aus seiner mutmaßlichen Sicht schildern bzw. erleben, wie sie sich fühlen würden, wenn sie veranlasst wären, den Rest ihres Lebens in „ihrer“ Wohngruppe zu verbringen.

Wir müssen erkennen und zugeben, dass Normalität in unserem eigenen Sinne in derartigen Einrichtungen kaum zu erreichen ist und die Bewohner deutliche Abstriche auch hinsichtlich ihrer Grundrechte hinnehmen müssen. Wir halten es aber für geboten, künftig alle derartigen Einschränkungen von Erwartungen, die für uns selbstverständlich sind, zu hinterfragen. Wenn wir dabei auf Regelungen und Einschränkungen stoßen, deren Notwendigkeit durch die unumgänglichen äußeren Umstände und notwendigen Betriebsabläufe nicht zu erklären sind, betrachten wir das als hospitalisierende Faktoren, die unbedingt zu vermeiden sind.

Bei der Analyse der Bedingungen bei RC stießen wir dabei auch auf die bei uns üblichen „familienähnlichen“ Gruppenstrukturen, die Rolle von „Bezugsbetreuern“ und andere „Selbstverständlichkeiten“, über die wir sprechen wollen. Und wir haben uns mit dem Thema ‚gesellschaftliche Teilhabe’ auseinandergesetzt, dem Thema also, das Grundlage des SGB XII, des Gegenstandes unserer Leistungsvereinbarungen, ist.

Unsere Angebote sind, wie in der Behindertenhilfe üblich, breit gefächert.

Wir fördern Klienten im Gruppenalltag in den Bereichen, deren möglichst gute Beherrschung Voraussetzung für erfolgreiches soziales Zusammenleben ist, wir versuchen Interessen und Stilfragen zu erkennen und zu entwickeln, wir suchen nach den ‚richtigen’ Arbeitsangeboten.

Wie alle Träger führen wir auch sogenannte Kliententage (das ist monatlich eine sechsstündige Aktivität des Bezugsbetreuers mit seinem Klienten), Ausflüge und Urlaube durch.

Bei kritischer Betrachtung wurde uns aber klar, dass diese Aktivitäten bei Klienten, die aufgrund der Schwere ihrer Beeinträchtigungen nicht selbst aktiv Teil der ‚normalen’ Gesellschaft sind, oft wenig mit tatsächlicher gesellschaftlicher Teilhabe zu tun haben. Die Klienten bewegen sich zwar im normalen gesellschaftlichen Umfeld, werden meist aber sozial und kommunikativ abgeschirmt durch die Betreuer. So bestellen im Lokal für die Klienten, die sich nicht entsprechend artikulieren können, die Betreuer, die sämtliche Kommunikation mit dem Servicepersonal übernehmen, sie organisieren die Sitzordnung und sie bezahlen. Echten sozialen Austausch mit fremden Menschen gibt es kaum. Für Ausflüge werden oft unsere Busse benutzt und nicht die öffentlichen Verkehrsmittel. Bei Urlauben mieten wir gerne Ferienhäuser, und selbst in der Zweiersituation der Kliententage schirmen wir häufig die Klienten ab.

Auch kann die Bindung der Kliententage an den Bezugsbetreuer dazu führen, dass besondere Interessen des Klienten nicht zum Zuge kommen. Dies geschieht in der Regel nicht aus Gedankenlosigkeit unserer Mitarbeiter, sondern aus der Sorge vor unangenehmen Reaktionen der Umwelt auf die häufig unangemessenen, schwierigen und manchmal ängstigenden Verhaltensweisen sehr vieler unserer Klienten. Oder die Personen passen punktuell nicht zueinander, wenn etwa eine ältere Bezugsbetreuerin nicht gerne nach Berlin fährt oder keinen Bezug zu Hertha BSC hat,  während ihr Bezugsklient begeisterter Hertha-Fan ist. Wenn aber das Management „erträglicher“ Bedingungen für Klienten und Mitarbeiter bei solchen Aktivitäten im Vordergrund steht, kommt es zu organisatorischen Regelungen, wie mangelnder Flexibilität in der Handhabung der geplanten sechsstündigen Kliententage, zu Aktivitäten nur innerhalb der gegebenen Betreuungsgruppen, zu Zielen der Unternehmungen, die von Mitarbeitern gesetzt werden, zu Über- und Unterforderung der Klienten - mit der gleichzeitigen Gewissheit, alles für die gesellschaftliche Teilhabe zu tun.

Eine Wende in meiner eigenen Einsicht bekam ich durch die Frage einer neuen Mitarbeiterin, ob ich es denn gut fände, wenn an einem schönen Sommertag die Klienten einer kleinen Einrichtung gemeinsam im Bus zu einem Ausflug gefahren würden. Sie fände das seltsam, da sie festgestellt habe, dass sich etliche der Bewohner dieser Gruppe offenbar nicht leiden könnten und etliche vermutlich an dem Ausflugsziel nicht sehr interessiert seien, während es in der benachbarten Einrichtung Bewohner gebe, die sich sehr gut mit einigen Bewohnern der geplanten Ausflugsgruppe verständen und auch Interesse an dieser Exkursion haben würden.

Dies führte zu einer breiten Diskussion bei RC mit der Einsicht in häufig vorrangig organisatorische Regelungen und die Realität der gegebenen Zwangsgemeinsaften. Die Diskussion und die Umsetzung der Erkenntnisse wird sicherlich noch einige Zeit dauern, da gewohnte Regelungen geändert werden müssen und wir dem möglichen Eindruck unserer Mitarbeiter, wir hielten sie nicht für ausreichend engagiert und reflektiert, entgegentreten müssen. Tatsächlich haben wir es hier ja mit einem systemischen Problem der Arbeit mit behinderten Menschen zu tun, die faktisch im Arbeitsbereich der Mitarbeiter leben und nicht umgekehrt, auch wenn man das noch so propagiert.

Abgesehen von der kritischen Selbstreflexion, intensivem Austausch und Strategien wie der Perspektivübernahme haben wir für das, was wir heute unter Teilhabe verstehen, ein sogenanntes Teilhabebudget geschaffen. Dieses Teilhabebudget ist ein Zeitkontingent, das aus den bisher für die Kliententage, für Ausflüge und Urlaube eingeplanten Stunden zusammensetzt ist.

Damit steht ein beachtliches Volumen an Zeit zur Verfügung. Gleichzeitig gehen wir daran, in einem ausführlichen Diskussionsprozess für jeden Klienten festzulegen, was er an spezieller Betreuungszeit benötigt, um sowohl seine Bedürfnisse an Lebensqualität, als auch seine Möglichkeiten und Interessen an sozialen Kontakten und Aktivitäten bestmöglich zu entwickeln und zu befriedigen. Dies führt zu einer deutlich differenzierteren Planung individueller Aktivitäten und ihrer Assistenz durch die Mitarbeiter.

Teilhabe kann künftig aus einem gemütlichen, vorweihnachtlichen Kaffeetrinken einer älteren nicht mehr so mobilen Bewohnerin in ihrem Zimmer mit ihrem Lieblingsbetreuer bestehen. Externe Aktivitäten werden für Menschen gleicher Interessenlage organisiert, die begleitet werden durch Mitarbeiter, die häufig nicht die Bezugsbetreuer sein werden, sondern an dem Thema der Exkursion selbst interessiert sind. Es wird Ausflüge und Urlaube ausgesuchter Klienten geben, die in ihrem Zuhause nur eine geringe Auswahl möglicher Kommunikationspartner haben, wie zum Beispiel in unseren Ferienbungalows in Menz, mit der Möglichkeit, unter den 27 Bewohnern des Haus Roofensee mögliche interessante Kommunikationspartner zu finden und andere Tagesabläufe kennenzulernen. Klienten, die nicht wissen, was ein Urlaub ist, müssen keine langen Busfahrten aushalten, sondern können den Sinn ihres Urlaubs in speziell für sie geplanten Aktivitäten finden. Mitarbeiter werden ihre Ideen von Aktivitäten über unser RC wiki bekanntmachen und sich mit Kollegen anderer Häuser und Verbünde zusammentun. Urlaube werden wir RC-weit ausschreiben, wie dies im Sommer des letzten Jahres bei einer Türkeireise sehr erfolgreich war. Und Klienten mit breiteren Möglichkeiten, Eindrücke zu sammeln und soziale wie auch Alltagskompetenzen zu erwerben, werden auch die Möglichkeit längerer Reisen mit Gleichgesinnten, zu denen sie bisher keinen Kontakt hatten, bekommen.

Vermutlich werden manche Leser den Kopf schütteln, weil dies doch alles Selbstverständlichkeiten sein sollten. Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten viele gute Einrichtungen gesehen und erlebt, wie schwer das Leben in einer Einrichtung mit Mitmenschen ist, die man sich nicht aussuchen kann, in der über einen bestimmt wird, in der Menschen betreuen, die die Sehnsucht der Betreuten nach dauerhafter Freundschaft und Nähe nicht erfüllen können, weil sie sich in einem Dienstplan bewegen und eine Arbeit machen, die, auch wenn sie noch so zugewandt sind, am Feierabend, am Urlaub und mit dem Weggang endet. Und ich habe gelernt, dass Hospitalisierung überall droht, nicht nur in Hospitälern.

Vieles von dem, was wir uns vorgenommen haben, ist noch in der Diskussion. Es gibt auch Vorbehalte und die Sorge, erfolgreiche Initiativen nicht mehr realisieren zu können. Wir werden weiter Überzeugungsarbeit leisten müssen und Praxisbeispiele schaffen, die den Erfolg dieses neuen Konzeptes zeigen.

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