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Möglichkeiten und Grenzen der Mitbestimmung von Klienten

29.08.2017 · 15:33

geschrieben von: Dipl.-Psych. Michael Marterer, RC e.V. - E-Mail

Erwarten Sie keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine persönliche Zeitreise, einen Erlebnisbericht, eine Positionsbestimmung durch die vergangenen 45 Jahre meiner beruflichen Orientierung.

Auch wenn in der deutschen Psychiatrie noch in den 80er Jahren Menschen mit geistiger Behinderung als „debil, imbezill“ oder als (bildungsunfähige) „Idioten“ bezeichnet wurden, kam es durch die Ablösung der Psychiatrie durch die Pädagogik als Orientierungsrahmen für die Belange dieser Personengruppe in den 60er Jahren zu einer Betrachtung geistig behinderter Menschen als Teil unserer Gesellschaft mit dem Anspruch auf Normalität ihrer Lebensbedingungen. Gemeint waren normale Tagesgestaltung, Trennung von Arbeit, Freizeit und Wohnen, normale Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus, Respekt vor der Individualität und dem Recht auf Selbstbestimmung, das Recht auf normale Sexualität, gesellschaftlich übliche Umwelt- und Lebensstandards etc. Dieser grundsätzliche Systemwandel spiegelte sich in der Gründung der Lebenshilfe, ersten Reformprozessen in den traditionellen Anstalten und letztlich der Psychiatrie-Enquete der 70er Jahre.

Wer in dieser Zeit bereits beruflich aktiv war, konnte die faktischen Auswirkungen für die betroffenen Menschen in Deutschland aber eigentlich nur dann schätzen, wenn er die zum überwiegenden Teil menschenunwürdigen und oft menschenverachtenden Bedingungen, und zwar nicht nur in der Psychiatrie, erlebt hatte. Ich konnte mich damals des Eindrucks nicht erwehren, dass es oft nicht nur um die Verbesserung der Lebensbedingungen ging, sondern um den Machtkampf zwischen Psychiatrie und Pädagogik. Immerhin kam aber eine breite Diskussion zustande, welche geistig Behinderte als Menschen und Teil der Gesellschaft wahrnahm.

Dies mündete in die Integrationsbewegung, die erkannte, dass Normalisierung voraussetzte, die Menschen auch faktisch als Teil der Gesellschaft anzusehen, aus der sie durch ihre Behinderung ausgeschlossen worden waren oder von Ausschluss bedroht waren. Eigentlich ging es dabei tatsächlich weniger um Integration, sondern eher um Re-Integration, also darum, die Betroffenen aus ihrer Ausgrenzung in die gesellschaftliche Normalität zurückzuführen. Ich habe diese Phase auch als eine Zeit engagierten Kampfes mit Teilen der Gesellschaft erlebt, die von der alltäglichen Begegnung mit geistig behinderten Menschen, allemal in ihrem unmittelbaren Umfeld, wenig begeistert waren. Vielleicht war dies die beste Zeit der Integrationsbewegung, da sie von einer breiten gesellschaftlichen und politischen Unterstützung getragen wurde. Diese Menschen als Mitbürger abzulehnen, führte zur Stigmatisierung, wie sie viele derjenigen erlebt haben, die versuchten, Einrichtungen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern, angeblich aus Angst um ihre Kinder, oft aber eher wegen des (allerdings tatsächlichen) Wertverlustes ihrer Immobilien.

Damals wurde vieles ausprobiert, es entstanden zahlreiche Strömungen und leider wurden behinderte Menschen auch für gesellschaftskritischen Aktivismus missbraucht.
Immerhin gab es beachtliche Reformen und etwa durch die Enthospitalisierung aus der Psychiatrie und der beginnenden Dezentralisierung großer Einrichtungen eine deutliche Verbesserung der Bedingungen.

Auch die Jüngeren unter Ihnen haben vermutlich bewusst den Wandel zur gesellschaftlichen Teilhabe erlebt, der auch rechtlich erhebliche Fortschritte, besonders in der Finanzierung der Hilfen, mit Fokus auf den individuellen Hilfebedarf brachte. Wer seither wollte, konnte weitgehend normale Lebensbedingungen schaffen, zumindest außerhalb der stationären Einrichtungen.

Es folgte mit der UN-Behindertenrechts-Charta die heute gängige Vorstellung einer inklusiven Gesellschaft, die in sich so gestaltet ist, dass Behinderung selbstverständlicher Teil ist ohne irgendwelche Einschränkungen; in der Ausgrenzung also von vorneherein ausgeschlossen sein soll.

Die Frage ist nun, was sich für Menschen mit geistiger Behinderung tatsächlich verändert hat. Selbstverständlich werden sie nicht mehr folgenlos gequält, misshandelt und missbraucht. Sie verschwinden nicht mehr hinter Mauern und Gittern. Sie leben in der Regel gesellschaftsnah, es gibt Schutz- und Anspruchsrechte, und ihre institutionelle Betreuung muss klaren Regeln folgen, die auch behördlich kontrolliert werden und bei der die finanziellen Ressourcen für die Dienstleister nicht mehr nur nach Diagnosen vergeben werden, sondern mit der Vereinbarung klar definierter Fördermaßnahmen und -Ziele.

Aber war’s das vielleicht schon? Wiegen wir uns vielleicht in der Illusion, es geschafft zu haben, vielleicht sogar schon inklusiv zu sein, klopfen uns auf die Schulter und halten die Arbeit für getan?

Ich fürchte ja, wenn ich mir ansehe, dass geistig behinderte Menschen unabhängig von ihrem Alter geduzt werden, als Gallionsfiguren bei manchen Kongressen vorgeführt werden, ihre Inklusion weitgehend aus Integrations-Kitas oder -schulen besteht, deren besondere Bedingungen, will man den Erzieherinnen und Lehrern glauben, immer mehr zur Farce werden in immer größeren Klassen ohne pädagogisches Zusatzpersonal.

Werden geistig behinderte Menschen in Sportvereinen gerne gesehen oder in Senioren-Clubs? Erhalten sie den üblichen Zugang zu ambulanten und stationären medizinischen Diensten? Werden die Kommunikationsbedingungen in der Gesellschaft etwa barrierefreier, so dass auch diese Menschen ‚verstehen’? Aber auch: Werden ihre Verhaltensweisen juristisch mit den üblichen Maßstäben betrachtet; stellt zum Beispiel körperverletzendes Verhalten anderen Menschen gegenüber, das mit Hinweist auf die Behinderung nicht verfolgt wird, nicht ebenfalls eine Art von Diskriminierung dar?

Was den Verbänden körperbehinderter Menschen im Rollstuhl, die Steuerzahler und Wähler sind, nicht gelingt, wenn man von abgesenkten Bürgersteigen und Fahrstühlen an Bahnhöfen absieht, soll für Menschen gelingen, deren Behinderung so viel weiter weg von der Normalität Nicht-Behinderter ist?

Jedenfalls wird es auch das geplante Bundesteilhabegesetz nicht richten, das Bedingungen schaffen will, die den behinderten Menschen weitgehend zu einem „normalen“ Sozialhilfeempfänger machen. Vielleicht würde sich hier tatsächlich eine Chance für einen inklusiven Ansatz eröffnen; dann aber nicht als Vorwahlkampfaktion, die nach allgemeiner Auffassung zu einem massiven Chaos für die Betroffenen und ihre gesetzlichen Betreuer als Antragsteller führen wird, ebenso wie für die Mitarbeiter der Sozialämter bei der Beurteilung und Gewährung des individuellen Hilfebedarfs und für die Dienstleister, denen gerade die Rechtssicherheit abhanden kommt. Dabei ist der Gedanke gut, Menschen mit geistiger Behinderung als normale Bürger zu behandeln, ihnen die notwendige Hilfe differenziert zukommen zu lassen, ihre Betreuung auf eine vertragliche Basis zu stellen, die aus ihnen tatsächlich Kunden macht, um die Dienstleister werben und sich in einem Wettbewerb der besten Angebote behaupten müssen, weil das „Paket“ der Betreuung kein Alles-oder-Nichts mehr ist.

Ich glaube, dass von dem gesellschaftlichen Wandel, der langsam aber sicher kommen wird, die weniger behinderten Menschen profitieren werden, die näher an die gesellschaftliche Normalität heranrücken werden, zumindest dann, wenn andere Randgruppen mit ihren Problemen und finanziellen Erfordernissen ihnen nicht „den Rang ablaufen“. Wenn die Forderungen der UN-Charta aber den selbstverständlichen Status aller Menschen mit Beeinträchtigungen darstellen sollen, wird das nicht reichen. Die Einschätzung mancher politischer Vertreter, die Charta sei weniger für Deutschland bestimmt, da hier das meiste bereits erreicht sei, wird möglicherweise dazu führen, dass eine „Restgruppe“ besonders stark behinderter und in ihrem Verhalten schwer zu akzeptierender Menschen übrig bleiben wird, für die diese gesellschaftliche Teilhabe unerreichbar sein wird, auch weil unsere Toleranz hier an ihr Ende kommt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich manchmal zu scharfer und deutlicher Kritik, nicht aber zu Defätismus neige.

Für mich stellt diese für die von RC betreuten Menschen eher pessimistische Vision eine Herausforderung dar, der sich RC stellen wird. Wir werden nicht ablassen, uns unablässig zu prüfen, inwieweit wir unsere Klienten wirklich als Kunden und soziale Partner betrachten mit selbstverständlichen Rechten auf Anerkennung, gesellschaftliche Teilhabe, Respekt, Selbstbestimmung und all den anderen Merkmalen unseres Lebens als nicht geistig behinderte Bürger. Wir werden auch weiterhin versuchen, die Beweggründe unserer Klienten zu begreifen, wenn sie schwierig oder gelegentlich auch gefährlich sind. Wir versuchen auch künftig, den Spagat hinzubekommen, die Elternrolle, die Geschwisterrolle, die Rolle von Lehrern, Fürsorgern, Tröstern einzunehmen und uns ebenfalls der Verpflichtung stellen, gesellschaftliche Normalität und Gleichberechtigung auch dadurch zu leben, dass wir auch die Rollen von Polizisten, Staatsanwälten, Richtern und Vollzugsmitarbeitern akzeptieren, wenn die Gesellschaft uns hier alleine lässt. Wir werden wie bisher andere Menschen nicht davor schonen, sich mit unseren Klienten auseinanderzusetzen und sie in der direkten Begegnung zu akzeptieren, ggf. durch deutliche Hinweise der Betreuer. Wir werden auch künftig das Metzler-Verfahren oder jedes andere System zur Feststellung individuellen Hilfebedarfs ernsthaft anwenden, auch wenn dieser Ansatz, einen Menschen in einzelne Kompetenzbereiche zu zerteilen, an den eigentlichen Aufgaben und pädagogischen Zielen oft vorbeigeht.

Und wir freuen uns ebenso auf die Gesprächsrunden mit den gewählten Vertretern unserer Heimbeiräte, auch wenn kaum ein Mitglied in der Lage ist, die Möglichkeiten der Mitbestimmung zu erfassen und über seine eigenen Bedürfnisse hinaus tatsächlich die Interessen seiner Wähler zu vertreten.

Zurück zum Thema bedeutet in diesem Sinne ‚Mitbestimmung’ als ein Teil unserer Aufgabe für uns, die Bedürfnisse unserer Klienten zu erfassen und uns so weitgehend nach ihnen zu richten, wie es die Zwänge einer Institution, Dienstpläne, Hausordnungen, die Zwangsgemeinschaft der Bewohner und die äußeren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben – mit dem Ziel, eine möglichst hohe Lebensqualität zu schaffen und den bei uns lebenden Menschen die Sicherheit zu geben, dass wir ihren Betreuungsvertrag keinesfalls aufgrund von herausforderndem Verhalten kündigen werden.

 

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