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Kasuistik Herr Z.

15.08.2018 · 11:23

geschrieben von: Mitarbeiter RC e.V. - E-Mail

Herr Z. ist in Griechenland geboren. Bis zum 2. Lebensjahr verlief die motorische und kognitive Entwicklung normal, dann erweiterte sich sein damaliger Wortschatz von 50 Wörtern nicht mehr. Außerdem zeigte er kein Interesse an seinen Mitmenschen und suchte keinen Kontakt. Er litt häufig unter Unruhezuständen. Aufgrund der stagnierten Entwicklung wurde er 1982, im Alter von 4 Jahren, erstmals psychologisch in Boston/ USA untersucht. Dort wurde eine schwere geistige Behinderung diagnostiziert. Von 1983 bis 1987 war er jährlich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich vorstellig. Dort wurden psychomotorische Unruhe sowie autistische Züge festgestellt. Bei den Vorstellungen 1984 und 1987, erneut in Boston / USA, wurden die Diagnosen Verhaltensauffälligkeiten, Autismus sowie milde bis mittlere Intelligenzminderung gestellt.

Herr Z. wurde bis 1987 von einem Privatlehrer unterrichtet. 1992 erfolgte die Einschulung in einer Großstadt in Deutschland (Schulprojekt für autistische Kinder). Es wurden bereits damals Unruhephasen, starke Aggressionen und ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus beobachtet.

1995 wurde ein Grand Mal-Anfall beobachtet. Nach einem Aufenthalt in der Kinder- und Jungendpsychiatrie und wegen der zunehmend schwierigeren Betreuung unterstützten die Eltern eine Heimunterbringung ihres Sohnes.

1998 wurde eine Unterbringung in Sachsen-Anhalt getestet, die jedoch aufgrund der schwergradigen Verhaltensstörung scheiterte. Anschließend erfolgte eine fast einjährige Behandlung in einer Klinik, zunächst auf einer geschlossenen, später auf einer offenen Station. Im Anschluss lebte er in einer stationären Einrichtung. Es folgten weitere Klinikaufenthalte aufgrund massiver Erregungszustände, Nahrungsverweigerung, psychomotorischer Unruhe, aggressivem Verhalten und Störung des Schlaf-Wachrhythmus. Es wurden immer wieder medikamentöse Einstellungen vorgenommen. Anfang des Jahres 2012 wurden erneut vermehrt Unruhe und aggressive Phasen beobachtet. Herr Z. wurde bis 2013 immer wieder in verschiedenen Kliniken behandelt.
Zunahme der Häufigkeit sowie der Qualität der Phasen in den letzten Jahren: Verstärkung zwanghaften Verhaltens, Herumtragen und Wegwerfen von Gegenständen, vermehrtes Lautieren, körperliche Erregungszustände mit selbst- und fremdgefährdendem Verhalten, die Abstände zwischen den Phasen wurden stetig kürzer, zuletzt Wechsel „von heute auf morgen“.
2014 erfolgte der Einzug in unsere Einrichtung. Herr Z. wurde im Vorfeld von zwei Betreuern der Klinik, in der er sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt begleitet, um ihn kennenzulernen. Er wohnte dort in einem Einzelzimmer. Dieses war permanent abgeschlossen und im Raum befand sich ein Betreuer, um Gefahren abzuwenden. Nach geraumer Zeit schafften die Betreuer eine Beziehung zu Hrn. Z. aufzubauen. Er nahm sie an die Hand und versuchte, in seiner Sprache mit dem Betreuer zu kommunizieren. Am Anfang war Hr. Z. im Verhalten sehr ruhig. Er schlief die Nächte durch und saß hauptsächlich im Wohnzimmer der Wohngruppe in einem Sessel. Nach kurzer Zeit wurde er unruhiger und aktiver. Er schlief nächtelang nicht und lief ununterbrochen im Wohnbereich umher. Er schlug die Türen der anderen Zimmer laut zu, haute mit seinen Händen gegen die Fenster und gab dabei Lautäußerungen von erhöhter Frequenz von sich. Seine Schränke im Zimmer warf er immer wieder um. Er zerriss Inkontinenzmaterial und Kleidung und versuchte, diese in den Mund zu stecken. Diese Verhaltensweisen zeigte er immer in den aktiven Phasen, die sehr unregelmäßig stattfanden. Es war für viele der Mitklienten aus der Gruppe eine große Umstellung. Es gab keine Gardinen an den Fenstern, Blumentöpfe und Pflanzen wurden aus dem Wohnzimmer entfernt, selbst die Schränke im Wohnzimmer wurden teilweise entsorgt, da diese durch Hr. Z. stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Viele der Klienten gingen ihm aus dem Weg oder zeigten selbst starke Verhaltensauffälligkeiten, aufgrund der bedeutenden Veränderung. Die Betreuer aller Gruppen halfen mit, Hrn. Z. ein entspanntes Umfeld zu schaffen. So wurden intensive Spaziergänge mit ihm unternommen, um dem Bewegungsdrang nach zu kommen. Bilder wurden direkt auf die Wand gemalt und die verbliebenen Schränke fest mit der Wand verschraubt. Es war für alle eine große Herausforderung. Aufgrund seiner massiven Verhaltensauffälligkeiten waren wir gezwungen, Hrn. Z. mehrmals in die Landesklinik einzuweisen.
Da wir nicht zufrieden waren mit der aktuellen Situation, versuchten wir alle Fachleute, die in der letzten Zeit mit der Betreuung von Herrn Z. betraut waren, an einen Tisch zu holen.
Nach langer Organisation, fand eine Fallkonferenz bei uns statt. Solch eine Konferenz war die erste ihrer Art bei RC, denn es war das erste Mal, dass sich so viele unterschiedliche Fachleute an einen Tisch setzten, um zu beraten, wie man in Zukunft mit diesem auffälligen Verhalten umgehen kann. Doch für alle war klar, dass eine erneute Einweisung in die Klinik die letzte Instanz sein sollte, da jeder Krankenhausaufenthalt, der eine Fixierung mit sich bringt, nicht förderlich für die weitere Entwicklung von Hrn. Z. ist. So sind alle zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Isolation direkt in der Einrichtung wesentlich angenehmer für ihn ist. Es wurde ein entsprechender Antrag beim Vormundschaftsgericht gestellt. Mitte 2015 wurde dem Antrag statt gegen. So kann Herr Z. in Akutphasen, in Absprache mit der Leitung, in seinem Zimmer für mindestens zwei Tage eingeschlossen werden. In dieser Zeit befindet sich immer ein Betreuer vor der Zimmertür, die ein integriertes Fenster hat, um Gefahrensituationen rechtzeitig zu erkennen. Seit dem Beschluss musste Hr. Z. in Akutphasen nicht mehr in die Landesklinik gebracht werden. Die Isolation wurde schon mehrmals erfolgreich durchgeführt. Es bestand noch nie die Notwendigkeit ihn die gesamten zwei Tage im Zimmer zu verschließen. Seine aktiven Phasen sind seitdem nicht mehr so intensiv und langanhaltend. Im Moment ist er sehr entspannt und ausgeglichen. Durch die gute Zusammenarbeit mit den anderen Gruppen des Hauses, haben wir schon viel erreicht und hoffen dass wir noch mehr erreichen.

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