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Fallvorstellung Herr O.

14.07.2018 · 11:38

geschrieben von: Mitarbeiter RC e.V. - E-Mail

Herr O. wurde im März 1980 in einer Großstadt in Deutschland geboren. Er erlitt im Alter von fünf Monaten eine Meningitis, die einen frühkindlichen Hirnschaden mit Hydrocephalus zur Folge hatte und mittels einer Shunt-Anlage versorgt werden musste. Im weiteren Entwicklungsverlauf zeigten sich Gehörlosigkeit, keine Sprachproduktion, eine schwere Intelligenzminderung mit Verhaltensauffälligkeiten sowie eine symptomatische Epilepsie. Herr O. besuchte von 1983 bis 1987 eine Sonderkrippe und anschließend bis 1991 eine Kindertagesstätte. Im Jahr 1989 trennten sich seine Eltern, und 1992 verstarb sein Vater. Bis zu seinem 17. Lebensjahr wohnte Herr O. zu Hause bei seiner Mutter. Es kam jedoch zunehmend zu aggressivem Verhalten, auch gegenüber seiner älteren Stiefschwester. Aufgrund seines Problemverhaltens wurde Herr. O. sowohl von der Gehörlosenschule, die er von 1991 bis 1999 besuchte, als später auch von der Tagesförderstätte, in der er tätig werden sollte, verwiesen. Es folgten mehrfach stationäre Behandlungen in Kliniken und 2001 bis 2004 schließlich die Integration in einem Wohnheim für gehörlose Menschen mit Behinderung. Nach einer Ruhephase kam es auch dort wieder zu Verhaltensauffälligkeiten in Form von erheblichen Fremdaggressionen. Daher kam es ab 2001 wiederholt zu stationären Behandlungen in psychiatrischen Kliniken. Die ambulante Betreuung wurde von einer Ärztin übernommen, die sich auf Menschen mit Hörschädigung spezialisiert hatte. Da sich die aggressiven Verhaltensweisen im Herbst 2003 häuften, erfolgte eine erneute vollstationäre Aufnahme in der Klinik. Der zunächst gute therapeutische Verlauf änderte sich, und es traten massive Erregungszustände auf, so dass Herr O. im Dezember 2003 nach Süddeutschland verlegt wurde. Von dort erfolgte im Januar 2004 eine Verlegung in eine weitere psychiatrische Klinik mit dem Ziel der Reintegration in sein Wohnheim. Herr. O. zeigte sich phasenweise angepasst und immer wieder plötzlich massiv verhaltensauffällig mit lautem Schreien, Umklammern der Mitarbeiter sowie Schlagen, Kratzen und Treten, so dass Fixierungen und Zwangsmedikationen notwendig waren. Im Februar 2004 erfolgte die Entlassung in das Wohnheim. Herr O. erhielt aufgrund seines labilen Zustands Einzelfallhilfe. Bereits im Juli 2004 wurde eine erneute Aufnahme in die Psychiatrische Klinik notwendig, da es immer wieder zu starken Erregungszuständen und möglicherweise sexuell motivierten Übergriffen auf das Personal kam, da diese bei bestimmten Mitarbeitern häufiger auftraten als bei anderen. Eine Rückkehr in die Wohnstätte war daher nicht mehr möglich, und so zog Herr O. im August 2004 in eine neue Einrichtung, wo er weiterhin gezielte Einzelfallhilfe erhielt. Auch dort zeigte Herr S. die bereits beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten mit unvorhersehbaren Wechseln zwischen angepasstem und psychomotorisch erregtem sowie selbst- und fremdaggressivem Verhalten.

Angesichts der Schwere der Erkrankung von Herrn O. und mit dem Ziel, ihm ein stabiles soziales Umfeld zu schaffen, erfolgte 2010 der Einzug in eine unserer Einrichtungen. Auch hier musste er sich einleben. Aufgrund seiner Schwierigkeiten, sich anzupassen, kam es fast täglich zu Übergriffen auf Mitbewohner und Mitarbeiter sowie zu akuter Selbstverletzung. Außerdem fixierte er sich weiterhin bevorzugt auf weibliche Mitarbeiter und Mitbewohner und wurde dann häufig übergriffig, so dass ein richterlicher Fixierbeschluss für Herrn O. erwirkt wurde. Anfangs kam es fast täglich zu Fixierungen. Im Laufe der Zeit nahm die Häufigkeit aber ab. Dies bedeutete für die Mitarbeitenden häufig körperliche Auseinandersetzungen, viel Dokumentation und Konfrontation mit den eigenen Grenzen. Nicht jeder Mitarbeiter war dazu in der Lage.

Momentan kommt es nur noch zwei- bis dreimal jährlich zu solchen Krisensituationen.

Herr O. verständigt sich über einfache Gebärden sowie über Mimik und Gestik. Er beobachtet Situationen und Abläufe, ahmt diese nach und reagiert auf visuelle Darstellungen. Durch seine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit innerhalb der Gruppe entsteht der Kontakt durch gemeinsame Aktivitäten und Beschäftigungen. In Gruppensituationen beobachtet er das Miteinander seiner Mitbewohner mit dem Personal genau. Aufgrund seines autistischen Störungsbildes und seiner Zwangsstörung achtet Herr O. sehr auf seine persönlichen Sachen, wobei er eine pedantische Ordnung hält. Dinge, die ihm wichtig sind, haben einen ganz bestimmten Platz. Er bemerkt sofort, wenn ein Gegenstand an einem anderen Platz liegt und ändert dies wieder nach seiner Ordnung. Häufig waren daher plötzliche Wünsche nach dem Besitz bestimmter Gegenstände, die er sah oder die anderen gehörten, Grund für Anspannungsphasen.

Um pädagogisch mit ihm arbeiten zu können, wurden klare Regeln zur Krisenintervention erarbeitet, an die sich jeder Mitarbeiter der Einrichtung zu halten hat. Dies führte in einem langen Prozess insbesondere dazu, dass Herr O. lernte, zur Erfüllung von Wünschen Wartezeiten von fünf bis sieben Tagen zu akzeptieren und gegenüber seinen Mitmenschen eine körperliche Distanz zu wahren. Herr O. zeigt einen hohen Bedarf an Zuwendung und Bestätigung. Die Mitarbeiter begehen daher stets eine Gratwanderung, einerseits den Bedarf an Zuwendung und andererseits klare Grenzsetzungen zu realisieren. Aufgrund der ausdauernden, konsequenten pädagogischen Arbeitsweise mit Herrn O. ist diesbezüglich in den letzten Jahren eine gewisse Stabilisierung eingetreten. Das Ausbleiben körperlicher Kontakte versteht und akzeptiert Herr O. mittlerweile, so dass Fixierungen und Klinikeinweisungen reduziert bzw. verhindert werden konnten. Phasenweise kommt es zwar in größeren Zeitabständen jedoch immer wieder zu akuten Krisen, in denen er massiv selbst- und fremdgefährdende Verhaltensweisen zeigt.

Durch viele Mitarbeiter, welche die Gebärdensprache beherrschen, erhielt Herr O. die Möglichkeit, sich selbst verständlicher zu artikulieren sowie seine Kommunikationsfähigkeit auszubauen. Im Zuge dessen konnten Missverständnisse und Verständnisprobleme, die teilweise in Anspannung mündeten, auf ein Minimum reduziert werden sowie interessen- und bedürfnisorientierte Angebote gestaltet werden. Herr O. schafft es mittlerweile, innerhalb kurzer Zeit Vertrauen zu neuen Mitarbeitern aufzubauen, so dass Krisen im Eduard-Willis-Haus gemeinsam bewältigt werden können und Milieuwechsel in Form von Krankenhauseinweisungen nur noch selten notwendig werden. Dies ist jedoch lediglich so erfolgreich, wenn sich alle Mitarbeitenden genau am Kriseninterventionsplan orientieren. Vor zwei Monaten kam es aus diesem Grund (Nichtbeachten der bewohnerbezogenen Regeln/Kriseninterventionsplan) zu mehreren folgenschweren Zwischenfällen. Beim in Aussicht gestellten Kauf eines Fernsehers wurde die Wartezeit von fünf bis sieben Tagen nicht beachtet, und somit verlor Herr O. die Orientierung. Die Folge waren mehrere Fixierungen, die teilweise nur durch fünf Personen durchgeführt werden konnten, sowie wiederholte Einweisungen in die Klinik unter Polizeieinsatz. Die körperlichen Übergriffe seitens Herrn O. waren so massiv, dass eine Woche nach Entlassung aus dem Krankenhaus noch ein Sicherheitsdienst zur Hintergrundbereitschaft im Haus war. Die Mitarbeitenden fanden erst langsam wieder in den Alltag zurück.

Ich denke, dies zeigt eindrücklich, dass Klienten wie Herr O. einen ganz klaren Rahmen und einheitliches pädagogisches Vorgehen benötigen, um Sicherheit zu verspüren und sich orientieren zu können.

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