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Der lange Weg zurück ins Leben

02.11.2017 · 11:15

geschrieben von: Mitarbeiter RC e.V. - E-Mail

Bei Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung ist in der Regel die Prognose noch offen und es sind durch eine gezielte Förderung Entwicklungsschritte und eine Steigerung der Fähigkeiten und der Lebensqualität zu erwarten. Als die ersten Klienten 2009 in das neue Haus einzogen, war nicht abzusehen welche Entwicklungen wir erwarten konnten, dass die Klienten sich entwickeln würden, davon waren wir überzeugt. Die Klienten, die bei uns einzogen kamen von zu Hause, aus Pflegeheimen oder direkt aus der Rehabilitationsklinik. Für mich persönlich war es beeindruckend zu sehen, wie viel neuen Lebenswillen und Kraft vor allem Klienten aufbrachten, die aus einer Pflegeeinrichtung zu uns gekommen waren. Bei ihnen lag das Schädigungsereignis teilweise schon Jahre zurück, in der Pflegeeinrichtung fand keine Förderung statt und oftmals auch keine Therapien. Die Fähigkeiten, die diese Klienten in der Rehaklinik wieder erlernt hatten waren inzwischen wieder verloren gegangen und sie waren in vielen Dingen des täglichen Lebens auf fremde Hilfe angewiesen. Ein nicht zu unterschätzender Motor für den Willen war die neue Lebensperspektive, die diesen Menschen plötzlich geboten wurde. Es war toll zu erleben, wie Rollstuhlfahrer mobiler wurden und sich nach intensivem Training beispielsweise wieder alleine umsetzen konnten. Für die Klienten hieß das, endlich wieder alleine zu entscheiden, wann sie aufstehen wollten, ohne dass sie warten mussten bis ein Betreuer für sie Zeit hatte. Für einen gesunden Menschen ist es kaum vorstellbar, wie es ist aus dem Leben gerissen zu werden und plötzlich auf fremde Menschen angewiesen zu sein, in einer Einrichtung zu leben mit Menschen die ich mir nicht aussuchen konnte. Wenn man unsere Klienten fragt, was ihr größter Wunsch ist steht bei vielen das Leben in einer eigenen Wohnung an erster Stelle und dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen kann, haben wir inzwischen mehrfach erlebt. Als Frau X. Anfang 2009 in die Einrichtung zog, lag die Hirnschädigung schon fast zwei Jahre zurück. Sie war von der Rehaklinik in Ermangelung einer Alternative in ein Pflegeheim verlegt worden. Als sie zu uns kam, hatte sie schwere Kontrakturen in den Beinen verbunden mit starken Schmerzen und saß im Rollstuhl. Sie benötigte umfassende Hilfestellung bei allen Aktivitäten des täglichen Lebens. Frau X. fand bei uns schnell ihren Lebensmut wieder und mit ihm wuchsen auch wieder Wünsche. Sie wollte unbedingt wieder auf eigenen Beinen stehen, ihr Leben selbst regeln, in einer eigenen Wohnung leben und vielleicht sogar wieder arbeiten gehen. In den Therapien war sie voller Elan bei der Sache, übte so oft sie konnte auch in der Freizeit weiter. Mit jedem Jahr kamen alte Fähigkeiten zurück und Stück für Stück nahm sie ihre Dinge wieder selbst in die Hand. Sie konnte sich wieder alleine waschen und anziehen, ihre Wäsche wieder selber waschen und endlich auch wieder alleine aus dem Rollstuhl aufstehen. Das alles hat viel Zeit gebraucht, jetzt vier Jahre später ist sie in eine eigene Wohnung gezogen, sie ist im gleichen Ort geblieben und wird weiterhin im Rahmen von Fachleistungsstunden betreut. Frau X. ist kein Einzelfall. Wir erleben immer wieder, dass Klienten aus der stationären Einrichtung ins Trainingswohnen ziehen und von dort der Weg in eine eigene Wohnung vorbereitet wird. Diese Schritte werden langfristig geplant und in Ruhe vorbereitet. Bereits heute planen wir die nächsten Auszüge unserer Klienten.

Wir haben in den letzten Jahren viel gelernt, Erfahrungen gesammelt und Konzepte entwickelt. Was wir aber vor allem gelernt haben, ist dass unsere Klienten Zeit brauchen und dass man ihnen eine Perspektive gibt. Egal wie lange die Schädigung zurückliegt, Entwicklungen sind immer möglich.

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