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Die große Offenbarung

29.06.2020 · 14:29

geschrieben von: Apl. Prof. Dr. med. Andreas Zieger, CVO Universität Oldenburg

PDF - Die große Offenbarung

Die große Offenbarung

Was die Corona-Pandemie in der gesundheitlichen Versorgung von neurologisch
Schwerstbetroffenen und Schwerstbeeinträchtigten aufgedeckt hat.
Beobachtungen eines einzigartigen Zeitgeschehens während der ersten Welle (5. März bis 10.
Mai 2020) mit einer kritischen Würdigung der Auseinandersetzungen um Ungewissheit,
begrenzte Mittel und ethische Brennpunkte.


Inhaltsübersicht

I Vorbemerkungen: Offenbarung - Gesundheit ist keine Ware - Leben heißt Zusammenleben
- Beeinträchtigungen („Behinderungen“) sind nicht angeboren

II Die Lage vor der Covid-19-Pandemie: Häufigkeit und Versorgungslage schwer
neurologisch Kranker und Hirnverletzter - Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe -
Katastrophenmedizin

III Während der Pandemie: „Verohnmächtigung“ - Trennung der Kontakte, Einschränkungen
der Grundrechte, Verlust an Teilhabe – Ausnahmezustand – Bedeutung für neurologisch
Erkrankte und Beeinträchtigte (Behinderte“) - Medikamente und Impfstoffe - Aufdeckung
von Mangelzuständen - Sonderregelungen für die NeuroRehabilitation und
Direkteinweisungen - Belastungen für Menschen mit Behinderung, Assistenzkräfte und
Schwerkranke - Sterblichkeit und Triage: Die Teilhabe des Todes am Leben - Umstrittene
Triagekriterien - Ethische Konflikte - Aus dem Artikel von Kassandra Ruhm - Palliativ-
Intensivmediziner zu Covid-19-Behandlungen - Medizinrechtliche Betrachtungen - - Streit
um Lebensschutz und Grundrechte - „Katastrophenethik“ - „Exit“-Strategie - Kritik am
Krisenmanagement der Regierung

IV Aussichten für die Zeit danach: Lehren aus der Corona-Krise - Was aufgedeckt wurde und
offenbar geworden ist - Was ungeklärt bleibt - was sich umgehend ändern muss - Ethikbeiräte
auf Länderebene - Aufhebung von Ungleichbehandlung und Menschenrechtsverletzungen -
Die inhumane kriegs- und katastrophenmedizinische Ethik durch eine Ethik der sorgenden
Beziehungen (Care-Ethik) ablösen - Corona-Erfahrungen mit Klimaschutz und
Verkehrssicherheit verbinden

V Aufruf an die politisch Verantwortlichen (Neuro-Netzwerk Weser-Ems e.V.)
VI Beigezogene Quellen

VII Ausgewählte Referenzen

VIII Danksagung

IX Angaben zum Autor

I Vorbemerkungen

 

Offenbarung

Eine Offenbarung macht etwas augenscheinlich und sichtbar, was bisher unsichtbar oder
verdeckt war. Es handelt sich um die Aufdeckung eines Sachverhaltes, der bisher unbekannt
oder nicht ausreichend geklärt ist. In diesem Sinn bestehen enge Beziehungen zu biblischen
Offenbarungen. Diese können ganz verschiedene Dinge zum Inhalt haben: Ereignisse im
Leben eines Menschen, die Klärung von Situationen oder die Vorhersage von zukünftigen
Ereignissen für die Menschheit. Aus Offenbarungen ergeben sich häufig Antworten auf die
Frage nach dem Sinn des Lebens oder Orientierungen bei moralischen und gesetzlichen
Fragen.
Die derzeitige Corona-Pandemie ist etwa 100 Jahre nach der letzten „Spanische-Grippe“-
Pandemie aufgetreten. Wie zuvor durch Weltkriege und andere Pandemien werden durch
diese Grenzsituation alle gängigen zivilisatorischen Sicherheiten und Selbstsicherheiten in
Frage gestellt. Jedoch unterscheidet sich die Corona-Pandemie von den vorausgegangenen
Pandemien, dass sie in Friedenszeiten wütet, im Kontext eines für viele Bürger nahezu
sorglosen Alltags mit weltweiten Tourismus- und Warenströmen.
Im Unterschied zu der Figuration der „Offenbarung“ der vier apokalyptischen Reiter Krieg,
Gewalt, Hungersnot und Seuchen des Johannes von Patmos, ist die Corona-„Pestilenz“ allein
dahergeflogen gekommen. Und während die Pest in der Zeit nach 1348 aus Zentralasien zwei
Jahre brauchte, um vom Schwarzen Meer, dem Endpunkt der Seidenstraße, zu uns zu
gelangen, „flog“ das in China ausgebrochene Corona-Virus praktisch über Nacht zu uns.
Offen muss derzeit bleiben, welche Beziehungen zwischen den andauernden Krisenherden,
globalisierten neoliberalen Wirtschaftskriegen, der Armut und Ungleichverteilung der Güter,
den mangelnden Hygienezuständen, der Unterernährung, dem menschlichen Elend und Leid
auf der einen Seite und Umweltzerstörung mit dem planetarischen Klimawandel auf der
anderen Seite als Nährboden für die Corona-Pandemie bestehen.
Menschen zeigen, wenn man die Geschichte früherer Seuchen heranzieht, historisch wie auch
gegenwärtig ähnliche Reaktionen und Verhaltensweisen auf. Die erste Reaktion auf den
Ausbruch besteht im Verleugnen und Nichtwahrhabenwollen: „Nationale und lokale
Behörden haben immer mit Verzögerungen reagiert. Sie haben die Fakten verzerrt und die
Zahlen geschönt, um einen Ausbruch zu verschleiern.“ Die zweite Art der Reaktion „besteht
in der Erfindung und Verbreitung von Gerüchten und haltlosen Behauptungen.“ Das hat sich
offenbar bis heute unter den Bedingungen von Telekommunikation, modernen Medien und
weltweiter Vernetzung nicht wesentlich geändert mit Ausnahme des Tempos und der Tiefe
dieser Reaktionen. „Die häufigsten Gerüchte bei einem Ausbruch der Pest galten der Frage,
wer die Krankheit eingeschleppt hatte und woher sie kam.“ Seit Mitte März besteht das
Gerücht, welches sich außenpolitisch zu einer Krise skandalisiert hat, dass das Sars-CoV-2-
Virus in einem Labor im chinesischen Wuhan ausgebrochen und “Chinas Antwort auf die
Vereinigten Staaten und den Rest der Welt“ sei. Solche Gerüchte können gegenseitige
Anschuldigungen, Panik, Gewaltausbrüche und Aufruhr schüren – wie es gegenwärtig aus
einigen Ländern berichtet wird. Gemeinsam ist diesen Reaktionen die Abwehr von Ängsten
gegenüber dem Tod als dem großen Gegenspieler des Lebens. Seuchen und Pandemien lassen
uns erkennen, „dass es keinen Ort gibt, an den wir flüchten könnten. Das Wissen darüber,
dass die ganze Menschheit, von Thailand bis New York, unsere Sorgen teilt, wie und wo man
einen Mundschutz zu tragen hat, wie man auf die sicherste Weise mit den Lebensmitteln aus
dem Supermarkt umgeht und ob man sich in Quarantäne begeben muss oder nicht, ist eine
ständige Erinnerung daran, dass wir nicht allein sind. Es bringt ein Bewusstsein von
Solidarität hervor: „Wenn aus dieser Pandemie eine besser Welt hervorgehen soll, werden wir
zueinander stehen müssen, bescheiden und solidarisch, so wie es dieser historische
Augenblick erfordert.“ (alle Zitate von Orhan Pamuk, in SZ, Nr. 100, vom Donnerstag/Freitag
30. April/1. Mai 2020, S. 11 – Feuilleton; Literaturnobelpreis 2006 für „Pestnächte“).


Gesundheit ist keine Ware

Gesundheit ist ein hohes Gut. Gesundheit wird nicht erworben, sondern ist einem gegeben.
Gesundheit ist nicht allein die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, sondern meint aus
Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen idealen Zustand des vollkommenen
körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Gesundheit betrifft alle Lebensbereiche
über alle Lebensspannen. Sie ist keine Ware, die man kaufen oder wie einen Gegenstand
reparieren oder einfach wiederherstellen kann. Man kann seine Gesundheit durch Vorbeugung
schützen, aktiv fördern und durch eine angemessene Lebensweise erhalten. Bildung und
Lebensstil haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Man kann Gesundheit nach
Verletzung oder Krankheit durch Rehabilitation wiedergewinnen und durch Training stärken.
Gesundheit, Krankheit, Geburt, Sterben und Tod gehören zum Leben. Man kann seine eigene
Gesundheit durch gesunde Lebensführung solange wie möglich erhalten. Partizipation und
Teilhabe, das Eingebundensein in alle Lebensbereiche der Gemeinschaft wirkt
gesundheitserhaltend und –fördernd. Die WHO hat Prävention (Gesundheitserhaltung durch
Vorbeugung und Früherkennung), Kuration (Heilung durch Behandlung und Intervention),
Rehabilitation (Funktionsverbesserung, Wiedereingliederung, Partizipation und Teilhabe)
sowie Unterstützung und Erhaltung (Selbsthilfe, einschließlich Palliation) zu den vier
„Säulen“ der gesundheitlichen Interventionen und den Hauptstrategien des
Gesundheitssystems erklärt (vgl. Zieger 2014). In den letzten Jahrzehnten hat sich das bisher
vorherrschende Verständnis von der Konzentration auf die Krankheit (Pathogenese) hin zur
Sorge um die Gesundheit, Gesunderhaltung und Gesundheitsbildung (Salutogenese)
verschoben.


Leben heißt Zusammenleben

Das Phänomen Leben bleibt unverstanden, wenn es lediglich an den traditionellen
schulbiologischen Eigenschaften wie Stoffwechsel, Bewegung, Wachstum, Fortpflanzung und
Reizbarkeit definiert wird. In Albert Schweitzers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist
„Leben inmitten von Leben, das leben will“ enthalten. Die heute dominante Bio-Medizin
stützt sich mit ihren Annahmen von Leben und Lebendigsein auf überkommene Gewissheiten
einer Ingenieursbiologie, die Leben, auch das menschliche, auf eine organismische und
mechanische Maschinerie zurückführt, die man reparieren, manipulieren und sogar künstlich
erzeugen kann (Ulrich 1997). Jedoch: „Leben entsteht nicht neu ... Leben findet immer
schone Lebendes vor … Wer Leben erforschen will, muss sich am Leben beteiligen.“ Diese
Aussagen des Begründers der Medizinischen Anthropologie, Viktor von Weizsäcker, stellen
die positivistische Lebenswissenschaft, Ingenieursbiologie und Bio-Medizin grundsätzlich in
Frage. Sie sind verbunden mit einem jahrzehntelangen Disput über den Beginn des Lebens
und über das Lebensende (Sterben und Tod), vor allem im Hirntodsyndrom als ein „Leben im
Sterben von als ´ hirntot´ diagnostizierten Menschen“ (Zieger 2019). Das ist zwar gesetzlich
als „der Hirntod ist der Tod des Menschen“ geregelt, aber weiterhin eine virulente und
menschenrechtlich und ethisch ungelöste Streitfrage. Denn wie der Philosoph Alva Noe schon
vor vielen Jahren in seiner „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ zutreffend festgestellt
hat, ist „Leben die Grenze des Bewusstseins“. Die bioethischen Berater des vorvorletzten USPräsidenten
haben zur Überwindung des Dilemmas der Definition von Leben und Hirntod
vorgeschlagen, Leben als Phänomen auf der Grundlage eines vitalen selbsterhaltenden
Stoffwechsels bei permanenter Offenheit zur Umwelt mittels Stoffaustausch ohne ein
Bewusstseinskriterium neu zu definieren. Dabei sind tatsächlich jedoch „Leben“, „Sterben“
und „Tod“ nicht allein biologisch, medizinisch, neurowissenschaftlich oder philosophisch
bestimmbar, sondern weitgehend kulturell geformt und sozial konstruiert.
Das Leben wird auch in der Corona-Pandemie, obwohl sie viele Todesopfer kosten wird,
weiter gehen. Kultur ist wie der Mensch lebt. Die Kultur der Menschheit ist auf
Zusammenleben, Wohlstand und Überleben angelegt. Die Geschichte der Menschheit zeigt
auf, dass viele Kulturen untergegangen sind. Leben bedeutet Veränderung in einer Balance
zwischen Lebensrisiko und Überlebenswillen. Für viele Menschen scheint heutzutage
Shopping und das Auslebens von Konsumbedürfnissen ein vorrangiger Lebensinhalt
geworden zu sein. Wir schützen uns vor Lebensrisiken mit Lebensversicherungen.
Menschliche Planungen sind auf „Lebenslänge“ angelegt. Bei Verunfallten, geschwächten
Alten, Schwerkranken, Intensivpatienten und Sterbenden wird auf Lebenszeichen geachtet.
Lebensmüde Menschen neigen zu Depression und Selbstmord. Deshalb gilt es, deren
Lebensumstände zu verbessern. Jeder Mensch beansprucht einen bestimmten Lebensraum,
der in Großstädten, Mehrfamilienhäuern, in den Townships Südafrikas, den Slums in
Südamerika, auf den Straßen von Bombay und in den Lagern der Migranten und Flüchtlingen
vor Krieg, Elend und Folter für Millionen von Menschen nicht gegeben ist. Derzeit ist die
Lebensfreude vieler Menschen auf der Welt schwer beeinträchtigt. Es besteht Lebensangst
und Lebensgefahr. Wenn das Wirtschaftssystem heruntergefahren bleibt oder kollabiert,
können Menschen ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Die Bedrohung durch das
Corona-Virus macht uns das Leben und Zusammenleben wieder mehr bewusst. Unser
Lebensrecht ist eingeengt. Wir erleben, was für schwerstbeeinträchtige Menschen im Koma
und Wachkoma immer noch und immer wieder auf der Tagesordnung steht, dass nämlich
Lebensrecht und Würde fremdbestimmt abgesprochen sind und ihnen die Teilhabe und das
Zusammenleben mit ihnen versagt werden, indem man sie als „aussichtslose“ oder
„hoffnungslose“ Fälle ohne sinnvolle Behandlungs- und Lebenschancen abstempelt.
Zusammenleben, Zusammenhalten und Zusammenstehen ist das wichtigste Lebensmittel für
Menschen und setzt Vertrauen voraus. Wir erkennen Dienste und Berufsgruppen, die zwar
einkommensmäßig nicht sonderlich wertgeschätzt werden, heute unter Corona-Bedingungen
als „ systemrelevant“ erachtet werden, weil sie für unser aller Überleben wichtig und
unverzichtbar sind. Daraus ein neues Heldentum abzuleiten, mindert den Wert ihrer Arbeit
und verkennt ihre wertwollen Dienste, indem man sie als „Dienstleistung“ mit rein
wirtschaftlichen Profitinteressen verkoppelt. Wir erkennen, dass eine ausreichende Pflege auf
der Intensivstation, im Krankenhaus, in der Rehaklinik, in der ambulanten
Wohngemeinschaft, in der Tagespflege, in der ambulanten 24-Std.-Intensivpflege, in der
Senioren- und palliativen Pflegeeinrichtung und nicht zuletzt in der ambulanten häuslichen
Pflege und Versorgung durch pflegende Angehörige, die allein 70% ausmachen(!), nicht nur
mitmenschlich geboten ist, sondern für das gesamte Gesundheitssystem und die
Daseinsvorsorge von hoher Bedeutung ist, ganz abgesehen von einer angemessener
menschenwürdiger Versorgung von Millionen von chronisch kranken, unselbständigen
gebrechlichen, dementen und auf Heimbeatmung angewiesenen Menschen als unsere
gleichberechtigten Mitbürger*innen.

Das Leben mit der Krankheit Covid-19, ausgelöst durch das Virus Sars-CoV-2, welches von
Biologen und Virologen selbst als gar kein „richtiges“ Lebewesen eingeschätzt wird,
verbreitet in der Bevölkerung erhebliche Verunsicherung und Lebensangst, die panikartige
Stimmungen hervorruft, je enger die Lebensräume und je schlechter die Lebensverhältnisse
mit langdauernden Ausgangssperren, Arbeitslosigkeit, Leben am Existenzminimum und
Aussichtlosigkeit werden. Die gegenwärtige Pandemie kann unser Bewusstsein schärfen für
Grenzsituationen und persönliche Vorstellungen über unser eigenes Leben, Sterben und Tod.
Versagen, Verlassen werden und Vergehen (Tod) sind drei wesentliche Grundängste des
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Menschen. Deren Grundmotivationen sind Sinn („Leistung“), Liebe („Anschluss“) und Leben
(„Macht“) (Bergner). „Von den Toten lernen wir für das Leben“ (Püschel). Es werden dabei
unweigerlich Fragen nach dem Lebenswert und den würdevollen Lebensbedingungen
aufgeworfen. Die Corona-Krise zwingt uns in aller Schärfe, darüber hinaus unsere
Lebensführung („Lebenskunst“) und unseren Umgang mit unseren Lebensgrundlagen Wasser,
Luft, Lärm, Energiehaushalt, Klima, Umwelt, Artenvielfalt, Landwirtschaft und alle Formen
der industrialisierten Wirtschaft, gerade auch der börsengetriebenen Finanzwirtschaft,
ökologisch und nachhaltig zu überdenken. Das erscheint nicht nur lebenswichtig, sondern
auch lebensnotwendig!


Beeinträchtigungen („Behinderungen“) sind nicht angeboren

Das zuvor Gesagte hat Auswirkungen auf das gewöhnliche Verständnis von „Behinderung“.
Kommt ein Mensch zum Beispiel mit einem überschüssigen Chromosomensatz (Trisomie 21)
zur Welt, ist er keineswegs angeborenermaßen „behindert“, sondern ihm ist für seine
individuelle Entwicklungs- und Lebensbedingungen lediglich eine andere, wenn auch
prägnante, genetische Grundausstattung mitgegeben, über deren Ausprägung und
Entwicklung zu einem Down-Syndrom entscheidend gelingende oder misslingende
Interaktionen, fördernde und hemmende Umweltfaktoren und auch sozial vernachlässigende
Beziehungen beitragen. Wenn medizinisch im vorgeburtlichen Ultraschall eine
Organveränderung festgestellt und mit: „Ihr Kind hat eine Behinderung“ gedeutet wird, dann
ist diese Veränderung häufig eine Fehlbildung, eine Abweichung von biomedizinischen
Normwerten, die auf eine mögliche spätere Funktionsstörung hinweisen. Es ist ein moderner
biomedizinsicher Mythos, jede Abweichung der der Norm, ein veränderter Chromosomensatz
wie eine Trisomie 21 führe naturgemäß und „automatisch“ zu einer Behinderung!
Fehlbildungen und Trisomie 21 sind Ausdruck der individuellen Vielfalt menschenmöglicher
Seinsweise, der mit Hilfe von intensiver Zuwendung, Entwicklungsförderung, Partizipation
und sozialer Teilhabe (Inklusion), z.B. durch gemeinsamen integrativen Unterricht, verstärkte
Entwicklungschancen und Bildungsperspektiven, zum gleichberechtigten und gleichwertigen
Leben verholfen werden kann. Diese eröffnen den einzelnen Anderen Teilhabe am Leben in
der Gemeinschaft, an der Kultur der Menschheit und an der Vielfalt des Menschseins. Eine
solche Denkweise gilt auch für Menschen mit „erworbener“, d.h. erlittener Hirnschädigung
und neurologischer Beeinträchtigung nach Schlaganfall, Schädel-Hirntrauma,
Sauerstoffmangel nach Herzstillstand oder Nervenentzündung nach Infektion. Eine solche
Denkweise kann die immer noch oft negative Einstellung in Ärzteschaft und Bevölkerung wie
auch den Umgang mit Betroffenen und Familien entscheidend positiv verändern.
Wenn man „Isolation“ als eine zentrale Kategorie von Entwicklungseinschränkung und
„Behinderung“ versteht, kann die Corona-Pandemie als das größte Isolationsexperiment der
Menschheit begriffen werden. Das Virus lehrt uns, behindernde Lebensverhältnisse zu
erfahren und damit zu leben. Eine Behinderung ist nicht angeboren, sondern entsteht immer
erst dann, wenn Menschen die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft, am
gemeinschaftlichen Zusammenleben, verwehrt wird. Von daher wird deutlich, dass als
zentrales Kriterium für ein erfülltes und gelingendes menschliches Leben das
Zusammenleben in Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung, Liebe und Solidarität zu
verstehen ist.


II Die Lage vor der Covid-19-Pandemie

Häufigkeit und Versorgungslage schwer neurologisch Kranker und Hirnverletzter
In Deutschland leben etwa 70.000 Menschen mit schweren und schwersten Schädigungen des
zentralen Nervensystems (DVfR 2013). Die Inzidenz für Schlaganfall beträgt 250 pro
100.000 Einwohner pro Jahr (Stahmer et al 2019); die Prävalenz (Häufigkeit) von
Schlaganfallfolgen: bis zu 800.000, dabei besteht eine Rezidivrate von 19,4 Prozent; bei
einem Viertel der Überlebenden ist mit schweren Behinderungen, hohem Pflegebedarf und
erheblichen Einschränkungen der Teilhabe zu rechnen; anerkannte Schwerbehinderung (Grad
der Behinderung GdB > 50/100 Punkte): 400.000 (Wallesch & Reuther 2015). Die Mortalität
nach dem Erstereignis liegt nach 5 Jahren bei 45 Prozent. Vergleichbare Daten existieren für
das Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Bender et al (2015) haben gezeigt, dass sich der Aktivitätsund
Teilhabestatus von SHT-Patienten durch eine intensive interdisziplinäre
Intervallbehandlung deutlich steigern lässt. Von 40.000 Leistungsfällen mit SHT pro Jahr in
der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sind mindestens 4.000 schwer und
schwerstbeeinträchtigt (Gonschorek 2016).
Bundesweit ist demnach von etwa 1 Mio. Neuro-„Behinderten“ auszugehen, davon je
400.000 mit Schlaganfall und SHT, zusätzlich 200.000 mit neuromuskulären chronischen
Erkrankungen, davon 30.000 bis 50.000 chronisch kritisch-neurologisch Kranke und
Beatmete. 10 bis 30 Prozent der Schwer- und Schwerstbetroffenen haben einen hohen und
komplexen Informations- und Versorgungsbedarf an Nachsorge und Teilhabe. In Anbetracht
des demografischen Wandels sind steigende Zahlen zu erwarten. Bezogen auf das Weser-
Ems-Gebiet betrifft dies etwa 17.000 Menschen; diese Zahl dürfte sich mindestens, wenn man
die engen Angehörige und Familienmitglieder miteinbezieht, verdoppeln, wenn nicht sogar
verdreifachen.
Laut einer bundesweiten Befragungsstudie zur Nachsorge und Teilhabe der Hochschule
Magdeburg Stendal mit Förderung der ZNS-Stiftung (Nothnagel 2015) sind 89 Prozent der
befragten Patienten, Angehörigen und medizinischen Experten (N = 439) mit der bestehenden
Nachsorge und Teilhabe unzufrieden. Als Gründe hierfür wurden u. a. angegeben: Fehlendes
Wissen und Verständnis in Öffentlichkeit und Behörden, gravierende Mängel und Lücken in
der Versorgung, zergliederte Sektoren und Zuständigkeiten (stationär/ambulant), fehlende
flächendeckende und neurokompetente Angebote wie Reha-Neurologen, fehlende
Nachsorgeambulanzen, Therapeuten, Pflege, Tagesstätten, fehlende Regionalisierung und
Vernetzung der Leistungsangebote, häufiger sozialer Abstieg (Sozialhilfe) von Patienten und
ganzen Familien sowie fehlende Versorgungs- und Teilhabe-Forschung.
Von den in Deutschland lebenden ca. 1 Mio. Menschen mit neurologischen
Beeinträchtigungen werden ca. 30-50.000 beatmungspflichtige Menschen in
Pflegeeinrichtungen, ambulanten Intensivpflege-Wohn-gemeinschaften oder in häuslichambulanter
Pflege versorgt. Diesen Menschen ist ein hoher und komplexer Informations- und
Versorgungsbedarf an (Früh-)Rehabilitation, Nachsorge und Teilhabe gemein.
Was uns mit der Corona-Pandemie aus der Wohlstandsschläfrigkeit aufgeschreckt und die
hektische Betriebsamkeit des turbokapitalistisch funktionierenden Normalzustandes abrupt
unterbrochen hat, ist nicht das Virus selber, sondern die Angst vor seinen heimtückischen,
unberechenbaren und tödlichen Auswirkungen. Was wir spüren und wodurch wir uns bedroht
fühlen ist die „Teilhabe des Todes am Leben“ (Weizsäcker). Es sind die Erfahrungen und
Offenbarungen einer sonst kaum noch wahrgenommenen oder verspürten individuellen und
kollektiven Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Endlichkeit menschlicher Existenz (Lévinas).
Diese prinzipielle Verwundbarkeit ist allen Menschen gemeinsam. Sie verbindet die
sogenannten Risikogruppen wie Alte, von Armut Betroffene, Obdachlose, traumatisierte und
kranke Migranten, Frühgeborene, chronisch und beatmungsbedürftige Langzeitkranke,
Schwerstmehrfachbehinderte, Krebskranke, Sterbende - und eben auch chronisch
neurologisch Kranke und Schwersthirngeschädigte - miteinander. Die Corona-Pandemie
offenbart, dass alle Menschen im gleichen Boot sitzen, aus dem es derzeit kein Entrinnen gibt,
weil Rettungsinseln und Heilungsmittel nicht in Sichtweite sind.


Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Über die Gefahren der weltweiten Ausbreitung einer Corona-Pandemie ist der Deutsche
Bundestag bereits im Januar 2013 ausführlich informiert worden. In einem am 24. März 2020
im ZDF veröffentlichten Beitrag „Versäumte Pandemie-Vorsorge. Das Robert Koch-Institut
(RKI) hatte dem Parlament damals einen ´Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz
2012´ vorgelegt: „Darin war im Detail das Szenario eines ´außergewöhnlichen
Seuchengeschehens´ beschrieben worden - ausgelöst durch eine ´von Asien ausgehende
weltweite Verbreitung´ eines Corona-Virus ('novel Coronavirus')". In der
Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 03. Januar 2013 heißt es dazu: "Das Besondere an
diesem Ereignis ist", dass es die gesamte Fläche Deutschlands und alle Bevölkerungsgruppen
in gleichem Ausmaß betreffe und "über einen Zeitraum von drei Jahren mit voneinander
getrennten Wellen mit immens hohen Opferzahlen und gravierenden Auswirkungen" zu
rechnen sei. Auch zu möglichen Versorgungsengpässen für "Arzneimittel, Medizinprodukte,
persönlichen Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln" hatte die RKI-Analyse damals
Prognosen beschrieben. Weil „die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig
bedienen kann, entstehen Engpässe". Angesichts dieser deutlichen Warnungen vor bereits
sieben Jahren werfen Kritiker der Bundesregierung vor, sie hätte zu wenig für den
vorbeugenden Bevölkerungsschutz getan. Hätte die Bundesregierung den Virusausbruch
vorhersehen müssen? Richtig ist, dass die Behörde 2012 vor einer Pandemie mit einem
mutiertem SARS-Erreger warnte. In einer Stellungnahme des RKI vom 26. März 2020 wurde
jedoch klargestellt, dass es sich bei dieser Risikoanalyse des Bundesamts für
Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) um ein hypothetisches Pandemieereignis
mit einem modifizierten Virus Modi SARS-2 handele: „Die Szenarien stellten keine Prognose
oder Vorhersage eines Ereignisses dar, sondern beschreiben einen möglichen fiktiven
Ereignisverlauf eines denkbaren Extremereignisses. Bei dem analysierten Pandemieszenario
aus 2012 handelt es sich um ein solches hypothetisches Szenario, das einen hypothetischen
Verlauf einer Pandemie in Deutschland beschreibt." Ob und welche Maßnahmen in den
Ländern auf Grundlage dieser Risikoanalyse getroffen wurden, entziehe sich der Kenntnis des
BBK. Die Fortschreibung, Übung und Bereitstellung der nötigen Ressourcen liege in der
Verantwortung jeder einzelnen Behörde und jedes einzelnen Unternehmens. Dennoch entlässt
diese Klarstellung die entsprechenden Bundesbehörden, die für den Gesundheitsschutz, die
umzusetzenden Maßnahmen und die Bevorratung an Schutzmaterialien zuständig sind, nicht
aus ihrer Verantwortung.


Katastrophenmedizin

Die zivile Katastrophenmedizin hat sich geschichtlich aus der militärischen Kriegsmedizin
entwickelt. Sie ist eng mit staatlichen Strukturen und Institutionen verbunden, die für
Notlagen und Ausnahmezustände, nicht nur in Corona-Zeiten, sondern auch für Katastrophen
wie Hochwasser, Stromausfall und Sturm verantwortlich sind wie das Bundesamt für
Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Dazu ist eine Persönliche Checkliste als Ratgeber
für die Notfallvorsorge herausgegeben worden. In dieser Liste sind detaillierte Angaben für
die Bevorratung mit Lebensmitteln für zehn Tage zu finden. In den 1980er Jahren wurden
zum Schutz der Bevölkerung, genauer für bestimmte höherstehende Bevölkerungsteile,
bundesweit Atombunker und unterirdische Krankenhäuser für eine begrenzte Zahl von
Menschen eingerichtet.
Immanente Methode im Kriegs-, Notstands- und Katastrophenfall („Ausnahmezustand“) bei
stets begrenzten Ressourcen ist die Triage, d.h. die Selektion von Menschen nach bestimmten
Kriterien. Diese Kriterien werden seit Jahren bei einem Massenanfall von Betroffenen
(Kriegsversehrte, Verkehrsunfallopfer bei einer Massenkarambolage oder Pandemie-Infizierte
usw.) angewendet. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat
in der aktuellen Covid-19-Situation zur Unterstützung der Krankenhäuser auf seiner Website
Teile des Handbuchs Krankenhausalarm- und Krankenhauseinsatzplanung (KAEP) vorab
zum Download bereitgestellt.
Aus einem Interview in DIE ZEIT vom 19. März 2020 mit einem derzeit aus dem Ruhestand
für die Corona-Testung reaktivierten und erfahrenen Internisten und Rettungsmediziner geht
hervor, dass bei einer Triage „nach Dringlichkeit sortiert“ wird als „ein übliches
medizinisches Vorgehen, etwa bei Unfällen mit vielen Verletzten, aber auch in
Rettungsstellen: Patienten mit einer massiven Blutung etwa kommen in die dringlichste
Kategorie Rot, solche mit leichten Verletzungen in Grün. Menschen, für die es keine
Hoffnung mehr gibt, die also höchstwahrscheinlich sterben werden, kommen in die Kategorie
Blau – das bedeutet hoffnungslos … Wir müssen uns auf die Patienten konzentrieren, die wir
glauben retten zu können.“ Es wird ersichtlich, das eine Triage nach Kategorien erfolgt, von
denen die Ärzte glauben, retten zu können oder nicht. Kriterien für die unterstellte
„Hoffnungslosigkeit“ hinsichtlich (einer fremdbestimmt spekulierten) Sterbensnähe,
Lebenserwartung, Lebensqualität und Lebenszufriedenheit gibt es nicht, sondern die Ärzte
entscheiden nach fachlicher Erfahrung und „geglaubter“ Wahrscheinlichkeit.


III Während der Pandemie

Der erste Infektionsfall mit Covid-19 wurde am 28. Januar 2020 bei einem 33-jährigen
Mitarbeiter eines Automobilzulieferers in Stickdorf/Bayern festgestellt. Er hatte sich während
einer firmeninternen Schulung bei einer am 19. Januar aus Shanghai angereisten Kollegin
infiziert (Wikipedia).
+++ CORONA-Ticker (RKI) +++ 5. März 2020 +++ Infizierte: 400 +++ Todesfälle: 0 +++
„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im
Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.“ (Slovoj Zizek,
Philosoph, zit. in NWZ-Extra vom 30. April 2020, S. 22)
Die Covid-19-Pandemie ist eine weltweite Naturkatastrophe mit verheerenden Ausmaßen und
Folgen. Nach heutigem Kenntnisstand, von China ausgehend, verbreitet sich das Sars-CoV-2-
Virus über die Wege einer global vernetzten Welt und trifft innerhalb weniger Wochen auf
unzureichend vorbereitete hochindustrialisierte und gesundheitlich überforderte arme und
unterentwickelte Länder. Diese Pandemie hat eine weltweise Krise in allen Lebensbereichen
heraufbeschworen. Bei Aristoteles heißt Krise: „Entscheidung“. Die Krise ist ein Prozess zur
Genesung oder in den Untergang, den Tod. In diesem Sinne unterteilt die Krise die Zeit in
eine Zeit davor und eine Zeit danach. Das Leben in einem Krisenmodus kommt dem Leben in
größter Unsicherheit, in einer Grenzsituation (Jaspers), gleich. Karl Jaspers, selber zeitlebens
von einer chronischen Lungenkrankheit betroffen, hat den Begriff der Grenzsituation 1917
unter dem Eindruck der kollektiven Situation des vom Ersten Weltkrieges und der Spanischen
Grippe drohenden Todes entwickelt. Sein Mentor, der Soziologe Max Weber, ist 1920 an der
Spanischen Grippe verstorben.
Diese Pandemie als die gewaltigste Naturkatastrophe seit 100 Jahren öffnet uns die Augen
über die Natur der modernen Gesellschaft. In einer globalisierten Welt lernen die Menschen
jetzt mehr über die Natur der Gesellschaft, den Klimaschutz und das raubbauartige
Wirtschaften als über die Pandemie selbst. In dieser globalen Welt sind auch die
Nationalstaaten so untereinander vernetzt, dass sich niemand abschotten kann, als wäre die
ganze Welt in Quarantäne. Es gibt keinen Ort auf der Welt, keine Exit-Strategie, um dieser
Pandemie zu entkommen. Es gibt weder theoretisch noch empirisch einen Ort außerhalb des
„Getriebes“ (Adorno). Ist unsere marktkonforme Demokratie von einer viruskonformen
Demokratie abgelöst worden? Wie unter einem Brennglas treten gleichzeitig soziale
Ungleichheit, Mängel im Gesundheitswesen und der Daseinsvorsorge, globale
Abhängigkeiten und ein neuer Nationalismus in aller Deutlichkeit zutage. Und infolge der
Ansteckungsgefahr droht eine ökonomische Pandemie exponentieller Ausmaße, welche
Kurzarbeit, Betriebsschließungen, Zinsen für Staatsanleihen, Arbeitslosigkeit und
Vernichtung von Werten in schwindelerregende Höhe treibt, zu deren zeitgenössischen
Beobachtern wir alle gemacht werden.


„Verohnmächtigung“

Diese Pandemie wird zu ihrer Eindämmung mit Kontaktverbot, einer Unterbrechung der
Kontakte (Disruption), körperlichem Abstand, häuslicher Isolation, Besuchsverbot und
Quarantäne bekämpft. Auch Karl Jaspers (2019) musste, aufgrund seiner lebensbedrohlichen
chronischen Lungenkrankheit, sich ständig in Selbstisolation begeben, um nicht infiziert zu
werden. Seine Grenzsituation bestand im körperlichen und sozialen Abstandhalten, die einer
„Verohnmächtigung“ gleichkommt. (Bormuth am 23. April 2020, in der NWZ) Eine solche
Ohnmacht und Einsamkeit kann jedoch genutzt werden, um auf eine neue Art über alte
Sinnfragen des Lebens nachzudenken und sie im Gespräch mit anderen zu vergegenwärtigen.
Gemeinsam erfahrenes Leid in der kollektiv erlebten Grenzsituation eröffnet die Möglichkeit,
die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Befragt nach seinem Erleben der Corona-Krise soll der hochbetagte Philosoph Habermas
geantwortet haben, dass es „noch nie so viel Wissen über unser Nichtwissen“ gegeben hat.
Die Paradoxie dieser Gewissheit äußert sich darin, dass es selbst aufseiten der Experten keine
absolute Gewissheit gibt. Das hat Folgen für das Alltagsverhalten der Bevölkerung und in
sozialen Räumen. Ständig neue Berichte über Infektionszahlen und Todesraten lösen Gefühle
der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins aus. „Diese Ängste werden verstärkt durch den
omnipräsenten Wust administrativ verordneter Hygiene, Abstands- und Schutzvorschriften.
Im Miteinander der Menschen äußert sich diese Furcht auf zweierlei Weise. Sichtbar ist auf
der einen Seite die spontane Hilfsbereitschaft und Solidarität. Ebenso auffällig ist auf der
anderen Seite eine Art Regulierungswut, nicht nur durch überforderte Ordnungsämter,
sondern auch von Seiten der miteinander umgehenden Einzelnen.“ (Müller-Doohm am 5. Mai
2020, S. 6 – Kultur: „Die Furcht vor dem Anderen“, in der NWZ) Wildfremde Menschen
ermahnen einander, die vorgeschriebene Distanz einzuhalten und die Masken zu tragen.
Inspektoren kontrollieren im städtischen Raum die Durchsetzung der Hygienevorschriften.
Bei Missachtung wird zum Mittel der Denunziation gegriffen. „Diese von Misstrauen
getragene Blockwartmentalität … feiert so fröhliche Umstände wie autoritäre
Reaktionsmuster.“ Es werden Polarisierungen „zwischen Personen, die demonstrativ den
Schutz auch dort und dann tragen, wo und wann es wenig Sinn macht und solche, die
selbstbestimmter, ungezwungener handeln … Neben dem irritierenden Wissen über das
Nichtwissen besteht das Neue an diesem globalen Risiko darin, dass die lebensgefährliche
Infektionsgefahr alle trifft und insofern alle gleichmacht.“ Diese Äußerungen eines
Soziologen stehen in einem deutlichen Kontrast der philosophischen Ethik Lévinas´ des
Denkens vom Anderen her. Bei ihm wird der Andere (unter Nicht-Corona-Bedingungen) als
derjenige begriffen, der meine unentrinnbare Verantwortung für den Anderen begründet und
grundlegend ins Leben ruft. Es ist zu fragen, ob unter Corona-Bedingungen die Furcht vor
dem Anderen, der sich vor einer möglichen Ansteckung durch mich auch vor mir fürchtet,
nicht gerade das ist, was uns verbindet – und nicht allein die wechselseitige Verantwortung
füreinander. Hierzu hat 2017 Franziska Krause eine Abhandlung „Sorge in Beziehungen. Die
Care-Ethik und der Begriff des Anderen bei Emmanuel Lévinas“ vorgelegt. Darauf wird
später noch zurückzukommen sein. Diese Überlegungen machen deutlich, welchen Einfluss
das Corona-Virus auf die anthropologische Philosophie und Ethik hat.
Trennung der Kontakte – Einschränkungen der Grundrechte – Verlust an Teilhabe
Die „Trennung der Kontakte“ (Vygotskij), Separation und Isolation durch physical und social
distancing, laufen dem Wesen des Menschen als (somatopsycho)soziales Wesen, das durch
Mitmenschlichkeit, Zwischenmenschlichkeit, Zwischenleiblichkeit, Nähe, Mitleiden,
körperliche Umarmung, Trösten, Verbundenheit und Teilhabe gekennzeichnet ist,
gemeinschaftlich gelebt und erfahren wird, diametral entgegen. Sie setzen bei erwachsenen
und alten Menschen die vertrauten sozialen Kontakte und individuellen, sozialen Netzwerke
außer Kraft. Sie verändern stets auch gleichzeitig auch die Netzwerkarchitektur des
plastischen, sozialen Gehirns. Nach der Corona-Krise wird sich bei Millionen Menschen
erfahrungsbedingt eine andere, erweiterte und nicht selten wohl auch traumatisch-bedingte
veränderte neuronale Hirnsystemstruktur entwickelt haben. Nicht nur Resilienz und positives
Wachstum, sondern schwere psychische Störungen und Traumatisierungen werden die Folge
sein. Bei Kindern ist Isolation eine zentrale Kategorie für Entwicklungs-, Lern-, und
Verhaltensstörungen (Jantzen), was heute in der Sonder- und Rehabilitationspädagogik als
„geistige Behinderung“ und „kognitive Beeinträchtigung“ genannt wird. Darüber hinaus
können die mit der Trennung der Kontakte und mit der angeordneten häuslichen Isolation
einhergehenden Teilhabverluste am Gemeinschaftsleben ein Stresstest für viele Menschen
bedeuten, insbesondere für Alleinerziehende mit Kindern, Alte, chronisch Kranke und
intensivpflegebedürftige Behinderte sowie viele (alte) Pflegeheimbewohner, ihre
Angehörigen und das Personal. Die Lockdown-bedingte Rückverweisung („Einsperrung“) in
die eigenen vier Wände kann auf Dauer erhebliche gesundheitliche und psychosoziale und
Schäden zur Folge haben, etwa, weil Operationen verschoben werden, alte Menschen nicht
mehr zum Arzt gehen oder kinderärztliche Untersuchungen und Impfungen unterbleiben. Von
Mitarbeitern des „Weißen Rings“ wird berichtet, dass mit Corona eine ähnliche Situation
besteht wie zu Weihnachten. Zwar sei das nicht in der Polizeistatistik ausgewiesen. Es dürfte
jedoch eine hohe Dunkelziffer an häuslicher Gewalt und Missbrauch in den Familien geben.
Die Rate an in Not geratenen Frauen, die einen Platz im Frauenhaus suchen, sei um 50%
angestiegen. Auch kann das wochenlange Leben von berufstätigen Erwachsenen im
Homeoffice und kleinen und schulschulpflichtigen Kindern im Homeschooling auf engstem
Raum zu erheblichen Spannungen, Konflikten und psychiatrisch relevanten Aggressionen,
Gewaltausbrüchen und Traumatisierungen im Familienbereich führen, etwa, wenn Frau und
Kind vom gewaltbereiten Mann drangsaliert werden.
Distanzierung, Berührungslosigkeit und Unantastbarkeit, so sehr sie in bestimmten
Situationen hygienemedizinisch und gesundheitlich unvermeidbar sein mögen, laufen mit
zunehmender Dauer Gefahr, gesundheitsschädlich, unmenschlich und würdeverletzend zu
wirken. Laut Artikel 1 und 2 unserer Verfassung sind Würde und der Gesundheitsschutz des
Menschen jedoch hochwertig verankerte und garantierte Grundrechte. Kontaktverbote und
andere eingeschränkte Grundrechte wie Verssammlungs- und Bewegungsfreiheit können
nicht auf Dauer angeordnet werden, ohne Menschenrechte zu verletzen. Daher bedürfen diese
Maßnahmen einer zeitlichen Begrenzung wie auch einer wiederkehrenden konkreten
Überprüfung ihrer Verhältnismäßigkeit, ob ein legitimer Zweck vorliegt (z.B. Gefahr für Leib
und Leben) und ob die Maßnahmen geeignet, erfolgreich und angemessen sind, um sie ggf. an
veränderte Sachlagen oder Situationen anzupassen. Die Corona-Pandemie stellt somit auch
einen Stresstest für unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie dar.


Ausnahmezustand

Schon vor der Corona-Pandemie haben sich große Teile der „starken“, hochindustrialisierten
Welt im Ausnahmezustand befunden. Man denke an die Notstandsgesetze der Bundesrepublik
Deutschland Ende der 1960er Jahre, die bis heute Gültigkeit behalten haben, ohne dass der
auslösende Notstand weiterhin besteht. Der „Ausnahmezustand“ gilt für den italienischen
Rechtsphilosophen Gorgio Agamben als weit verbreitetes normales „Paradigma des
Regierens“, der seit einigen Jahrzehnten durch einen dominanten Neokolonialismus und einen
globalisierten marktwirtschaftlichen Neoliberalismus, die staatliche Einflüsse und
Schutzrechte hegemonial abzubauen bestrebt sind, Selbstbestimmung verabsolutieren und
sich gegenüber den brandgefährlichen populistischen, neorassistischen und nationalistischen
Rechten nahezu unbeeindruckt zeigen, verstärkt wird. Wir befinden uns nicht nur in
Deutschland und nicht erst mit der Entstehung der „Neuen Rechten“ in einem schleichenden
Demokratieabbau. Die sogenannte neue Normalität ist ein Leben mit bisher in
Nachkriegsdeutschland nicht dagewesenen massiven Grundrechtseinschränkungen. Wie soll
dann die postcoroniale „Normalität“ aussehen? Und was werden die am meisten schutz- und
förderungsbedürftigen Alten, chronisch Kranken und schwerstbehinderten Bevölkerungsteile,
die aus der Wertschöpfungskette ausgeschieden sind, dann zu erwarten haben?
Bedeutung für neurologisch Erkrankte und Beeinträchtigte („Behinderte“)
Die Trennung der Kontakte im Rahmen mit der allgemeinen Verunsicherung hat dazu
geführt, dass dringend abklärungs- und behandlungsbedürftige Patienten mit Symptomen
eines drohendem Schlaganfalls oder Herzinfarkts aus Angst vor einer Ansteckung den Gang
in die Notaufnahme oder die Einweisung ins Krankenhaus meiden. Es gibt neben dem
Corona-Virus auch das Risiko für nosokomiale Infektionen, für die es keine Antibiotika mehr
gibt. Noch liegen die Corona-bedingten Todesfallzahlen in Deutschland (Ende April 2020: ca.
6.500) unter den jährlich nosokomial-bedingten (ca. 15.600; Charité) und durch die Influenza-
Epidemie 2017/18 ausgelösten „Excess“-Todesfällen (ca. 25.100; RKI). Bei 80 Mio.
Einwohnern und etwa 800.000 Sterbefällen in Deutschland, versterben pro Tag etwa 2.500
Menschen pro Tag an „normalen“ Erkrankungen und nicht in Verbindung mit Covod-19.
In den letzten Wochen hat sich für die weitgehend klinisch unbekannte Covid-19-Erkrankung
ein geringes „neurointensives“ Potenzial herausgestellt, welches von neuromuskulären und
polyradikulären bis hin zum enzephalitischen Befall und einem gehäuften Auftreten von
Schlaganfällen ein breites neurologisches Spektrum aufweist. Die Erkenntnisse dazu befinden
sich noch ganz am Anfang und beruhen derzeit auf klinischen Einzelfallbeobachtungen oder
kleinen Studien. Es gibt noch keine ausführlichen Gewebsbefunde, wie sie im Rahmen einer
systematischen Obduktionsstudie gewonnen werden können. Man weiß aus der Hamburger
Pathologie-Studie (Püschel; UKE), dass das Virus neben der Lunge auch das Herz, die Niere
und andere Organe schädigen kann, sodass es beim Zusammenbruch des Immunsystems zu
einem Multiorganversagen kommt. Fest steht, dass unter den in Hamburg obduzierten 133
Corona-Toten (Stand Ende April) alle obduziert Gestorbene erhebliche Vorerkrankungen der
Lungen- und Herzkreislauforgane hatten. Dazu gehören auch wie Diabetes mellitus, Rauchen,
Adipositas und (durch psychosozialen Stress bedingte) Schwächung des Immunsystems, die -
wie die höhere Altersgruppe - als sog. Risikofaktor eng mit dem Auftreten eines
Schlaganfalles verbunden sind. Das Corona-Virus scheint bevorzugt die Gefäßinnenhaut
(Epithel) zu befallen und vermehrt mit Thrombosen und Lungenembolien einherzugehen.
Laut einer Übersicht im Deutschen Ärzteblatt (2. April 2020) wurden in einer Fallserie aus
China bei jedem dritten der 214 Patienten neurologische Symptome gefunden: “Neurological
symptoms fall into three categories: central nervous system (CNS) symptoms or diseases
(headache, dizziness, impaired consciousness, ataxia, acute cerebrovascular disease, and
epilepsy), peripheral nervous system (PNS) symptoms (hypogeusia, hyposmia, hypopsia, and
neuralgia), and skeletal muscular symptoms … 36.4% patients had neurologic manifestations.
More severe patients were likely to have neurologic symptoms (45.5% vs 30.2%), such as
acute cerebrovascular diseases (5.7% vs 0.8%), impaired consciousness (14.8% vs 2.4%) and
skeletal muscle injury (19.3% vs 4.8%) (medRxiv, 2020; doi: 10.1101/2020.02.22.20026500).
Unter den Verstorbenen hatte in einer anderen Fallserie im Britischen Ärzteblatt (BMJ
2020;368:m1091) jeder fünfte Patient eine hypoxische Enzephalopathie. Eine hypoxische
(Sauerstoffmangel-) Hirnerkrankung liegt häufig einem schweren Wachkoma-Syndrom
zugrunde. Infolge der corona-bedingten Mobilitätseinschränkungen dürften auf den Straßen
weniger Verkehrsunfallopfer mit schweren Schädel-Hirnverletzungen zu erwarten sein.
Während wissenschaftlichen Erkenntnisse zu intensivmedizinisch- und beatmungstechnischbedingten
Langzeitfolgen wie Posttraumatische Belastungsstörung (PTSB), Depression,
Anpassungs- und Angststörung, kognitive Leistungsminderung (Delir, Demenz) und auch
Lungenfibrose vorliegen, bestehen noch große Unklarheiten über die corona-bedingten
Gesundheitsfolgen und Langzeitschäden.
Zu den Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung wird im RKI-Steckbrief (24.04.2020)
ausgeführt: „Bislang liegen nur wenige belastbare Informationen zu
Folgeerkrankungen/Spätkomplikationen von Covid-19 vor. Erste Studien berichten über
neurologische Symptome und Erkrankungen, die darauf schließen lassen, dass neurologische
Langzeitfolgen auftreten können. So wurde beispielsweise von einer Patientin mit
möglicherweise Sars-CoV-2-assoziierter akuter beidseitiger nekrotisierender hämorrhagischer
Enzephalopathie und von einem Patienten mit Sars-CoV-2-assoziierter Meningitis berichtet.
Ein weiterer Artikel vertritt die These, dass das Sars-CoV-2-Virus neuroinvasive
Eigenschaften besitzen, die das zentrale Nervensystem auf Hirnstammebene schädigen und
damit zum Lungenversagen beitragen könnten.“ Eine aktuelle Übersicht zu dieser Thematik
findet sich in der Ausgabe B 19/2020 des Deutschen Ärzteblattes vom 8. Mai 2020 auf S.
841-844.


Medikamente und Impfstoffe

Für die Bekämpfung des Corona-Virus Infektion sind erste Medikamente wie zum Beispiel
Remdesivir, das für Ebola erfolglos entwickelt worden war, in klinischer Erprobung, wodurch
man sich eine Abmilderung schwerer Krankheitsverläufe verspricht. Die Entwicklung eines
Impfstoffes ist von mehreren Forschergruppen weltweit in Arbeit, dürfte aber bis zur
Anwendung noch Monate, wenn nicht gar 1-2 Jahre, dauern. Solange heißt die Devise: Leben
mit dem Corona-Virus unter Beachtung und Anwendung aller Schutzmaßnahmen,
insbesondere Abstandhalten und Mund-Nasen-Schutz. Die Unterbrechung der Kontakte, das
Disruptionsprinzip mit Abstandhalten, Kontakt- und Besuchsverbot und anderen Lockdown-
Maßnahmen, hat sich inzwischen infektionsepidemiologisch weltweit, besonders aber auch in
Deutschland, als die wirksamste Methode zur Eindämmung erwiesen.
Inzwischen wird die Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen auch in Deutschland
millionenschwer gefördert. China (beteiligt an 4 Forschungsprojekten) und die USA (beteiligt
an 3 Forschungsprojekten) haben neben wenigen europäischen Ländern dabei eine deutliche
Vormachtstellung. Völlig unklar ist, ob und wie sich das später auch die
Verteilungsgerechtigkeit bei der Anwendung dieses Mittels auswirken wird. Es ist zu
befürchten, dass die USA unter Trump auf der „America first“-Ideologie bestehen werden,
zumal es ihnen nicht gelungen ist, aussichtsreiche Entwicklungsverfahren in Deutschland
aufzukaufen. Hier entsteht also gerade ein neuer globaler, ethischer Brennpunkt und
Konfliktherd mit multilateralen und -nationalen Dimensionen für Millionen von Menschen,
der eine geschwächte WHO schwerlich entgegenzusteuern vermag.
Aufdeckung von Mangelzuständen
Die Corona-Pandemie hat schwerwiegende Mängel an Intensiv- und Beatmungsbetten,
Personal und Schutzmaterialien aufgedeckt. Es fehlende Ressourcen und Reserven. Es
bestehen Engpässe bei Medikamenten wie Narkosemittel zur Sedierung und
Schmerzbekämpfung, aber auch bei Pneumokokken-Impfstoff, bei Desinfektionsmitteln,
Schutzmasken und bei Persönlicher Schutzausstattung mit mangelnder
Verteilungsgerechtigkeit und Priorisierung und Transparenz. Es bestehen Konkurrenzkämpfe
bei der Vergabe von Schutzmitteln ohne eine zentrale Koordinierung für Intensivstationen,
Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, Kindertagesstätten. Nach
mehreren Anläufen ist deutschlandweit eine Meldepflicht und Erfassung von Intensivbetten in
einem zentralen Register eingeführt worden. Denn die Bekämpfungsmaßnahmen zielen seit
Wochen primär auf die Vermeidung einer Überforderung der medizinischen Versorgung in
Krankenhäusern. Dabei spielen verfügbare Intensivbetten (Beatmungsplätze) eine zentrale
Rolle. Mit Stand vom 19. April 2020 sind die vorbestehenden 28.000 Intensivbetten (davon
20.000 Beatmungsplätze) auf 30.058 Intensivbetten aufgestockt worden, wovon 12.665 nicht
belegt waren (vgl. Spang et al, Dt. Ärzteblatt Jg. 117, Heft 17, S. B720, vom 24. April 2020).
Dies wurde erreicht durch zurückgestellte, nicht dringliche Operationen und finanzielle
Anreize. In einer aktuellen explorativen Studie wurde bei nicht mehr exponentiellem Anstieg
der Coravid-19-Patientenzahlen (Ansteckungsfaktor R unter 1) ermittelt, dass, wenn 3-10%
der neu entdeckten Patienten intensivmedizinisch behandelt werden müssen und die
Verweildauer auf der Intensivstation durchschnittlich 14-20 Tage dauert, die Fallzahlen
zwischen 1.989 und maximal 20.966 an intensivpflichtigen Patienten liegen. Auf dieser
Grundlage wird von den Autoren kein Anlass zu einer Diskussion über eine möglicherweise
notwendige Triage von Covid-19-Patienten gesehen (Dt. Ärzteblatt, Jg. 117, Heft 7, S. B728,
vom 24. April 2020). Ende April 2020 mussten 15% aller erfassten Infizierten im
Krankenhaus behandelt werden, davon 5% auf der Intensiv-/Beatmungsstation, wovon 60
Prozent verstarben. Die Sterblichkeit aller erfassten Infizierten lag in Deutschland demnach
bei 3,8 Prozent. Die Frage, ob die wesentlich positiveren Ergebnisse der Heinsberg-Studie mit
einer Todesrate von 0,37 Prozent von allen (bundesweit hochgerechnet 1.8 Mio.) Infizierten
und 20 Prozent asymptomatisch verlaufenden Covid-19-Infektionen repräsentativ sind und in
nachfolgenden strengen wissenschaftlichen Kriterien genügenden Studien bestätigt werden
können, muss derzeit offen bleiben.
So ist die in Niedersachsen per Verordnung zum 6. Mai 2020 verfügte Bereitstellung von
weiterhin 20% der Bettenkapazität auf Normalstationen und 25% auf Intensivstationen für
Corona-Patienten - nach Abklingen der ersten Welle – angesichts der Vielzahl von
behandlungsbedürftigen krebs-, unfall-, bauch- und neurochirurgischen Patienten schwer
nachzuvollziehen. Die hierbei absehbare Verletzung der Verteilungsgerechtigkeit von
lebensnotwendigen Rechtsgütern dürfte zahlreiche juristische Verfahren nach sich ziehen. Für
viele Ärzte haben sich hier neue, äußerst belastende ethisch-moralische und praktische
Grenzsituationen aufgetan.
Die Corona-Pandemie hat schließlich auch große Lücken in der „Sozialen Frage“ aufgedeckt.
Strukturell ist das Gesundheitswesen über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Nicht nur ist der
Öffentliche Gesundheitsdienst mit seinen bundesweit etwa 400 Gesundheitsämtern
unterfinanziert, personell unterbesetzt und bei der Nachverfolgung Corona-Infizierter
überfordert; es fehlt an ausreichend gut ausgebildetem Personal in der Pflege, bei Hebammen,
Therapeuten, Ärzten und Sozialarbeitern. Die Arbeitsbelastung in der Pflege ist zu hoch, die
Bezahlung zu gering. Schon vor der Corona-Krise hat Fließbandarbeit in Ambulanzen,
Kliniken, Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen bestanden. Die medizinische Versorgung
ist profitorientierten Konzernen mit hohen Renditeerwartungen überlassen worden. Dafür
haben in Not geratene Menschen mit ihrer Gesundheit, ihrer wirtschaftlichen Existenz und
den menschlichen Folgen bezahlt. Es wird hinterfragt, ob sich unsere Gesellschaft Profite im
Gesundheitswesen noch leisten kann. Der Neoliberalismus sei ein „Akrobat ohne Fallnetz“,
der eine „tolle Show“ liefere, bis etwas passiert. Wenn öffentliche Einrichtungen
profitorientiert und nicht menschenorientiert seien, reiche „ein Funke, um einen Flächenbrand
auszulösen, weil offenbar nirgendwo Reserven existieren.“ Ein „an allen Enden
kaputtgespartes Gesundheitssystem“ solle nun das ganze Volk retten? (aus Leserbriefen in
DIE ZEIT vom 16. April 2020, S. 15, Ausgabe Nr. 15, zusammengestellt)
In der SZ vom 2. Mai 2020 wird unter „Helfer in Gefahr“ berichtet, dass allein in Bayern
3070 Ärzte und Pflegende mit Sars-CoV-2 infiziert seien. Der eklatanten Mangel an
Schutzkleidung habe sich besonders in der Anfangszeit der Eindämmung und
Infektionsbekämpfung bemerkbar gemacht. Das Corona-Virus habe auch nicht vor
Ansteckung und Tod eines prominenten 59-jährigen Rehaklinik-Chefs Halt gemacht. Von
diesen Zahlen zeigten sich die Ärztekammer und auch die Kassenärztliche Vereinigung, die
dazu übergegangen sei, für die niedergelassenen Ärzte aus eigener Kraft geeignete
Schutzmaterialien zu besorgen, überrascht, da im Pandemiefall diese Aufgaben eigentlich den
Bundesbehörden obliegen.
In einer Stellungnahme der Deutschen Vereinigung der Rehabilitation (DVfR) vom 24. März
2020 wird die Sicherstellung der medizintechnischen Versorgung von Menschen mit
schwersten Behinderungen im ambulanten Bereich sowie in Einrichtungen und Diensten der
Eingliederungshilfe während der Corona-Epidemie gefordert: „Nicht nur Krankenhäuser und
Rehabilitationskliniken, sondern zunehmend auch der ambulante Versorgungssektor mit
schwerstbehinderten Betroffenen sowie Einrichtungen und Dienste der Eingliederungshilfe
sind während der Ausbreitung des Coronavirus (SARS-CoV-2) von Lieferengpässen im
Bereich der Medizintechnik und der Pflegehilfsmittel einschließlich Schutzkleidung
betroffen. Menschen mit schwersten Behinderungen leben meist in einem speziell für sie
organisierten häuslichen und meist pflegeintensiven Umfeld. Die Versorgung ist geprägt
durch multiprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten,
Angehörigen, Pflegediensten und Akteuren verschiedenster Leistungserbringer des
Gesundheitshandwerks bzw. Sanitätsfachhandels. Entfällt die Sicherstellung der ambulanten
Versorgung dieser Betroffenen zu Hause, in der Behindertenhilfe und in den
Pflegeeinrichtungen mit medizinisch-technischen Geräten und Pflegehilfsmitteln
einschließlich der Schutzkleidung, müssen diese schwerstbehinderten Menschen im
Zweifelsfall in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Dabei sind die Betroffenen häufig
durch zahlreichen Begleiterkrankungen, wie z. B. Infektionen mit MRSA, belastet. Das
spricht zusätzlich gegen eine stationäre Aufnahme in ein - gegenwärtig oft bereits stark
überlastetes - Krankenhaus oder in eine Rehabilitationsklinik. Es muss daher alles getan
werden, damit die ambulante Versorgung von Menschen mit schwersten Behinderungen
sowie die Versorgung in Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe mit Hilfsmitteln
zur Pflege und Behandlung sowie Medizintechnik weiterhin gewährleistet ist.
Die DVfR fordert folgende Maßnahmen:
 Einbindung aller Berufsverbände des Gesundheitswesens – neben den
kassenärztlichen und klinischen Interessenverbänden – in die Verteilung von
Produkten zur Schutzausrüstung und Pflege,
 Sicherung der Möglichkeit einer Versorgung schwerstbehinderter Personengruppen
mit Hilfs- und Pflegemitteln im außerklinischen Umfeld, insbesondere auch in
Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe,
 Bildung von Reserven zukünftig ambulant stark benötigter Medizinprodukte, wie z. B.
Sauerstoffkonzentratoren, Absaug- und Inhalationsgeräten zur Atemwegstherapie in
Folge erlittener Lungenschäden durch SARS-CoV-2-Infektion,
 Lockerung von Restriktionen für Medizinprodukte durch das Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Zusammenhang mit der Behandlung
und Rehabilitation von SARS-CoV-2-Patientinnen und -Patienten zur
Aufrechterhaltung der stationären und ambulanten Versorgung.
Der ganze Text ist auf der Homepage der DVfR unter
https://www.dvfr.de/arbeitsschwerpunkte/stellungnahmen-der-dvfr/detail/artikel/dvfr15
stellungnahme-zur-medizintechnischen-versorgung-von-schwerstbehinderten-menschenwaehrend-
der-co/ einzusehen.
Zu dieser Stellungnahme hat der Autor des hier vorliegenden Beitrags folgenden Kommentar
geschrieben: „Diese Stellungnahme ist sehr zu begrüßen! Die hier geforderten Maßnahmen
stellen eine notwendige Ergänzung dar. Insbesondere die ambulanten Schwerstpflege- und
Assistenzbedürftigen in häuslicher Umgebung, Wohngruppen und 24-Std.-Intensivpflege und
deren Angehörigen/Familien benötigen eine wirksame Sicherung ihrer medizintechnischen,
pflegerischen und psychosozialen Versorgung - nicht nur die stationäre (Krankenhaus-)
Intensivpflege, so wichtig diese für die Akutversorgung auch ist. Gesundheitsschutz und
Gesundheitssicherung gelten für alle!“
In einer zweiten „Stellungnahme der DVfR zu aktuellen Handlungsbedarfen im Bereich der
Rehabilitation in der Corona-Pandemie“ vom 28. April 2020 werden unter Bezugnahme auf
den Referentenentwurf einer Sars-CoV-2-Versorgungsstrukturen-Schutzverordnung einige
Bewältigungsstrategien und Handlungsvorschläge herausgestellt. Durch aktuelle notwendige
Maßnahmen im laufenden Betrieb könnten notwendige Angebote und Leistungen für die
Betroffenen in allen vier Bereichen der Rehabilitation nicht erbracht werden. Zudem sei die
Existenz der Einrichtungen und Dienste gefährdet. In der Folge können Gesundungs-, Rehaund
Teilhabechancen nicht genutzt werden und sind Teilhabeziele nach SGB §4 SGB IX nur
sehr eingeschränkt erreichbar. Gegenüber dem Referentenentwurf besteht erheblicher
Ergänzungsbedarf. Er zeige relevante Regelungslücken vorwiegend im Bereich des SGB V
auf. Diese seien durch den Verordnungsgeber zu schließen. Aus Sicht der Nutzerbedarfe seien
drei wesentliche Bewältigungsstrategien maßgeblich:

„1. Existenzsichernde Maßnahmen und Zuschüsse für Dienste und Einrichtungen bei
Erlösausfällen insbesondere für ambulante und mobile Rehabilitationsdienste, Einrichtungen
der interdisziplinären Frühförderung, Sozialpädiatrischen Zentren, Psychiatrische
Institutsambulanzen, Medizinische Behandlungszentren, Funktionstraining und Rehasport
2. Sicherstellung der Weiterversorgung behinderter und chronisch kranker Menschen auf
durch Angebote der Tele- und Videokommunikation sowie deren Finanzierung
3. Ausreichende Versorgung mit Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln im gesamten
Reha-System.“

Im Bereich der Akutversorgung von Menschen mit schweren Behinderungen und
umfassendem Pflegbedarf fordert die DVfR die barrierefreie Sicherstellung aller
therapeutischen und rehabilitativen Leistungen und verweist die DVfR auf das Lebens- und
Teilhaberecht schwerstbehinderter Menschen.“
Die Corona-Pandemie bringe eine Reihe mittel- und langfristiger Herausforderungen für das
System der Rehabilitation mit sich. Es seien erhöhte Bedarfe an Leistungen zur Teilhabe zu
erwarten. Deswegen plädiert die DVfR für einen offenen Diskurs und ruft die Mitglieder zur
Beteiligung auf. (Die komplette Stellungnahme ist auf der Homepage der DVfR unter
https://www.dvfr.de/arbeitsschwerpunkte/stellungnahmen-der-dvfr/ einsehbar.)
Sonderregelungen für die NeuroRehabilitation und Direkteinweisungen
Weil die Corona-Epidemie auch den Bereich der Rehabilitation vor enorme
Herausforderungen stellt, wurden Anfang April 2020 vom Spitzenverband der Gesetzlichen
Krankenversicherungen (GKV) Maßnahmen beschlossen, welche die jeweiligen Fachkräfte
unkompliziert und schnell entlasten und während der Ausbreitung des Coronavirus
unterstützen sollen. Das betrifft neben den Ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation, die
Rehabilitation Abhängigkeitskranker, Rehabilitationssport/Funktionstraining und die
Anschlussrehabilitation:
„Der GKV-Spitzenverband empfiehlt, in Abstimmung mit den Verbänden der Krankenkassen
auf Bundesebene, das Verfahren zur Anschlussrehabilitation gegenwärtig umzustellen:
Danach prüfen die Krankenhäuser die Voraussetzungen für die Teilnahme an einer
Anschlussrehabilitation und organisieren die Überleitung in diese, ohne zunächst auf die
Genehmigung der Leistung durch die zuständige Krankenkasse zu warten.
Weiterhin unterstützen die Krankenkassen die Sozialdienste der Krankenhäuser bei der
Auswahl geeigneter Rehabilitationseinrichtungen oder übernehmen diese Aufgabe.
Das Direkteinweisungsverfahren durch die Krankenhäuser wurde auf die geriatrische
Rehabilitation erweitert. Darüber hinaus gilt die Empfehlung auch für die neurologische
Rehabilitation in der Phase C und - sofern aufgrund regionaler Strukturen und
Vereinbarungen die erforderlichen Behandlungen auch bereits in der Phase B in
Rehabilitationseinrichtungen erbracht werden – für Patienten der Phase B. (kursiv, von A.Z.)
Voraussetzungen für die empfohlenen „Direkteinweisungen“ durch die Krankenhäuser sind:
Die Anschluss-Rehabilitation erfolgt in den Indikationen und unter den Voraussetzungen des
AHB-Indikationskataloges der Deutschen Rentenversicherung (Stand 12/2017). Den
Krankenkassen werden weiterhin Anträge auf Anschlussrehabilitation zugleitet. Die
Krankenkassen werden diese Anträge formal genehmigen, damit die üblichen administrativen
Verfahren – insbesondere im elektronischen Datenaustausch - mit den
Rehabilitationseinrichtungen durchgeführt werden können.“ Diese Regelungen wurden
anfangs bis zum 30. April befristet und sind laut Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für
Neurologische Rehabilitation (DGNR) vom 29. April 2020 auf den 31. Mai 2020 verlängert
worden.
Die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) hat kürzlich erklärt, dass für Menschen, deren
Rehamaßnahme wegen behördlicher Maßnahmen zur Bereitstellung zusätzlicher
Behandlungsplätze für Covid-19-Patienten vorzeitig beendet werden mussten oder auf
eigenen Wunsch abgebrochen wurde, die Möglichkeit besteht, die Rehabilitationsmaßnahme
zu einem späteren Zeitpunkt neu zu beantragen. Dazu sei ein Kurzantrag mit dem Formular
G101 entwickelt worden und ab sofort möglich. Der Kurzanatrag kann bundesweit verwendet
werden und gilt auch für abgebrochene Kinder- und Jugend-Rehabilitation, wenn die Klinik
eine erneute Leistung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen befürwortet.
Belastungen für Menschen mit Behinderung, Assistenzkräfte und Schwerkranke
In einem Beitrag „Angst um Leben und Existenz“ hat sich Anfang April 2020 der
Deutschlandfunk mit der Frage auseinandergesetzt, wie Menschen mit Behinderung und ihre
Assistenzen mit der Corona-Krise umgehen. Da viele junge Menschen mit körperlichen und
geistigen Beeinträchtigungen („Behinderungen“), sehr häufig auf neurologischer Grundlage,
zur sogenannten Risikogruppe gehören und in strikter Quarantäne bei den Eltern leben
müssen, kann das eine emotionale Belastungsprobe sein. Da diese Menschen aufgrund ihrer
Behinderung den Alltag nicht alleine meistern können, haben sie häufig Assistenzkräfte an
ihrer Seite, die bis zu 24 Stunden am Tag Unterstützung leisten, für sie kochen, ihnen bei der
Körperpflege helfen oder für sie einkaufen gehen. Erst dadurch ist es ihnen möglich, ein
selbstbestimmtes Leben zu führen. Für diese assistierte Lebensweise, die mit viel körperlicher
Nähe verbunden ist, ist das strikte Kontaktverbot gelockert. Da Assistenzkräfte auf der
Hinfahrt in der Bahn Kontakt mit unerkannt Infizierten gehabt haben könnten, können
Assistent*innen-Besuche ein hohes Risiko darstellen. Deshalb ziehen es viele Betroffene vor,
zu ihren Eltern in Quarantäne zu gehen und vorübergehend auf eine externe Assistenz zu
verzichten. Für die Betroffenen sei es das Schlimmste, nicht zu wissen, wie lange der Zustand
noch anhalten werde. Die emotionale Belastung, ständig um das eigene Leben fürchten zu
müssen, sei hoch. Häufig seien Assistenzkräfte zudem mangelhaft mit Schutzkleidung und
Masken ausgestattet. Wenn Assistenzkräfte bei einem Verein angestellt sind, kann das
bedeuten, dass sie darüber weiter bezahlt werden. Wie lange das noch gehen wird, sei
ungewiss. Assistenzvereine haben Unterstützung aus dem Soforthilfeprogramm der „Aktion
Mensch“ bekommen. Dieser Sonderfond, zunächst ausgestattet mit 20 Mio. EUR, war
innerhalb weniger Tage ausgeschöpft.
Von einem amtlichen Betreuer, der sich seit vielen Jahren - mit medizinischer Hilfestellung
des Autors - um eine schwersthirngeschädigte, voll pflegebedürftige Frau in Fürth kümmert,
bekam der Autor nachfolgenden Leserbrief „Auf Zusammenarbeit kommt es an. Senioren und
die Coronakrise“, den der Betreuer am 18. April 2020 für eine lokale Tageszeitung
geschrieben hat: „Isolation trifft Schwerstkranke am meisten. Nach wochenlanger sozialer
Isolation trifft es die Schwerstkranken, die z. B. nicht sprechen können, am härtesten! Diese
armen Menschen werden nicht an Corona sterben, jedoch an Vereinsamung und schwersten
Depressionen. Denn sie müssen nun seit über fünf Wochen auf die Besuche ihrer
Angehörigen verzichten. Die psychische Belastung auf beiden Seiten ist unerträglich. Das
Pflegepersonal in den Heimen ist total überfordert, denn die Hilfe der Angehörigen fällt nun
auch weg.“
Sterblichkeit und Triage: Die Teilhabe des Todes am Leben
Anders als in der modernen biotechnisch-orientierten Medizin, deren Erfolge eher mit dem
Gegensatz anstatt der Gegenseitigkeit von Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Körper
und Seele, Eigen und Fremd zu tun haben, geht es in der beziehungs-medizinisch orientierten
Anthropologie um eine Vorstellung vom Leben, dessen Reichtum und Erfüllung aus
Situationen des Mangels und der Gefährdung erwachsen. „Die Teilhabe des Todes am Leben“
wird gleichsam zu einem partizipatorischen Paradigma für alle Gegensätzlichkeiten des
Lebendigen, seien es das Körperliche und das Seelische oder das Eigene und das Fremde.
Eine Medizin, für die „der Tod nicht nur ein Gegenspieler des Lebens“ ist, sondern „ein Teil
des Lebens selbst, ohne den Leben nicht Leben wäre“, hat als das Pathische schlechthin „in
gleicher Kraft dem Leben und dem Tode zu dienen.“ (Viktor von Weizsäcker)
Dessen ungeachtet ist in Corona-Zeiten eine immer noch nicht geistig überwundene
sprachliche kriegsmedizinische Rhetorik unüberhörbar. Nach Aussagen von Macron vom
16.03.2020 befindet sich ganz Frankreich im „Gesundheitskrieg“ („guerre sanitaire“) gegen
den Corona-Virus: „Nous sommes en guerre“ - Wir sind im Krieg.“ Sein Innenminister macht
alle, die nun zu Hause bleiben müssen, zu „Kriegsverbündeten“. In den Medien Deutschlands
werden Pflegerinnen und Pfleger als „Pflegehelden“ gefeiert. Sie seien die „Infanterie“, die in
vorderster „Front“ kämpft und „geopfert“ wird. Wegen oft mangelhaft bereitgestellter
Schutzkleidung sehen diese sich selber jedoch eher als „Kanonenfutter“. Es wird gefordert,
dass diese Opfer „wie andere tote Helden ein Denkmal bekommen.“ (DIE ZEIT vom 16.
April 2020, S. 15 - Leserbriefe) Hierzu kann sachlich gesagt werden, dass nach den
Ergebnissen einer aktuellen Studie bei 52 (5.4%) von 957 (100%) untersuchten medizinischen
Mitarbeiter*innen der Uni-Klinik Münster sich eine Sars-CoV-2-Infektion bestätigt hat (vgl.
Dt. Ärzteblatt Jg. 117, Heft 7, S. B728, vom 24. April 2020).
Befragt nach den Entscheidungskriterien bei einem Massenanfall von an Covid-19-
Erkrankten, wird von dem oben bereits erwähnten reaktivierten Arzt und Rettungsmediziner
betont, dass die „Entscheidung von mehreren Schultern getragen wird. Das macht es
einfacher.“ Das „Nadelöhr“ im Krankenhaus seien die in Deutschland schon seit langem
fehlenden „4800 Intensiv-Pflegekräfte, Spezialisten also, die die Maschinen bedienen
können.“ Man könne nicht ausschließen, dass es - wie in Italien - auf den Intensivstationen zu
wenige Beatmungsplätze gäbe. Hinzu käme, dass „hierzulande auf den Intensivstationen viele
hochbetagte Menschen liegen, deren Leben man nicht sinnvoll verlängert, sondern deren
Sterben man eher verzögert.“ Bei einem Engpass an Beatmungsplätzen und der Verteilung
von Patienten auf andere Krankenhäuser der Umgebung, würden viele Notärzte und Sanitäter
gebunden. Deshalb gäbe es nur die Möglichkeit: „Mutige Ärzte würden wohl den aussichtslos
kranken Menschen auf eine normale Station verlegen, wo er eine gute palliative Behandlung
bekäme. Viele Ärzte aber, vor allem unerfahrene, wollen das Leben um jeden Preis
verlängern. Das ist jedoch oft nicht im Sinne der Betroffenen.“ Wer als Erstes von
Impfstoffen profitieren dürfe, wenn es in Naher Zukunft welche geben sollte? „Als Erstes
sollten all die Menschen geschützt werden, die auf den Intensivstationen arbeiten, die also in
Kontakt sind mit schwer kranken und womöglich hochinfektiösen Patienten. Und da sollte
das Pflegepersonal noch vor den Ärzten drankommen, denn es ist am engsten in Kontakt mit
den Kranken.“
Bei aller Wertschätzung des Pflegepersonals durch diesen Arzt, entstammt das von ihm
verwendete Vokabular „sortieren, hoffnungslos, machen, hochbetagtes Leben, nicht sinnvoll,
Sterben nur verlängern, mutige Ärzte, aussichtlos, unerfahrene Ärzte, Leben um jeden Preis,
nicht im Sinne der Betroffenen …“ auffällig demjenigen Sprachgebrauch, wie er in der
defizitär orientierten Medizin und bioethisch-utilitaristisch orientierten Sterbehilfedebatte
eingesetzt wird. Dieser zielt auf latente Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung und
entspringt utilitaristischen Denkweisen, die den Wert und die Würde menschlichen Lebens
auf reine Nützlichkeit reduzieren. Dass solche Denkweisen sich in einem solchen Vokabular
heute immer noch niederschlagen, zeigt auf, dass die als überwunden geglaubte kriegs- und
katastrophenmedizinische Rhetorik in einer unter Zeit- und Entscheidungsdruck stehenden
Rettungs-, Notfall-, Akut- und Intensivmedizin weiterhin unterschwellig und häufig
unreflektiert weiterwirkt und zudem, häufig fremdbestimmt und verobjektivierend, auch für
die Palliativmedizin vereinnahmt wird.
Die eigentlichen „Helden“ neben den Pflegekräften im stationären und ambulanten Bereich
sind jedoch die pflegenden Angehörigen, von denen bundesweit 70% der Pflegebedürftigen
im häuslichen Umfeld 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche gepflegt werden.
Die gesellschaftliche Anerkennung für die Gruppe pflegender Menschen fehlt völlig und ist
auch vor Corona-Zeiten von Gesellschaft und Politik meist völlig ausgeblendet worden.
Dagegen sollten sich während der Corona-Krise und darüber hinaus diese Angehörigen und
Familien virtuell vernetzen und „sorgende Gemeinschaften“ bilden, um sich vor Belastungen,
Infizierung und Isolation zu schützen. (Berit Uhlmann „Gemeinsam einsam“, in SZ vom 30.
April/1. Mai 2020, S. 14 – Wissen; vgl. auch „Care Ethik“ bei Krause über Lévinas)
Dass der Gesundheitsminister in dieser Situation die in Krankenhäusern erst kürzlich
gesetzlich eingeführten Personaluntergrenzen wegen des Corona-Virus „bis auf weiteres“
außer Kraft gesetzt hat, stellt, wenn vielleicht auch gut gemeint, eine groteske Fehlleistung
dar, weil damit Sicherheitsstandards in einer ohnehin unsicheren Lage unterlaufen und das
überlastete Personal bei steigenden Infektionszahlen in den auf Hochtouren laufenden
Krankenhäusern zusätzlich herausgefordert und gefährdet wird. Vonseiten des Vereins
Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) wurde diese Art Krisenmanagement als
„billiger Taschenspielertrick“ bezeichnet. Da bereits der Normalbetrieb von Überbelastung
durch massive Arbeitsverdichtung und Steigerung der Fallzahlen bei immer kürzeren
Liegedauern inakzeptabel sei, könnten die Untergrenzen von den Geschäftsführungen als
neuer Standard zementiert und zum neuen Standard gemacht werden. Das aber sei gegenüber
den Patienten und Pflegenden „medizinisch unverantwortlich“ (Pressemitteilung des VDÄÄ
vom 12.03.2020).


Umstrittene Triage-Kriterien

Welche Kriterien bei einer katastrophenmedizinischen Triage zum Tragen kommen, wurde
jüngst in einer an die Bundesregierung gerichteten Stellungnahme des Deutschen Instituts für
Katastrophenmedizin (DIfKM) in Tübingen zur „greifbaren Gefahr durch das Virus Sars-
CoV-2“ im benachbarten Straßburg vom 23. März 2020 bekannt gemacht. Darin wird lauthals
für Deutschland eingefordert, was in Straßburg geschehen sei, dass dort nämlich „Patienten
über 80 Jahre keine Intubation (Beatmung) mehr“ erhalten, „stattdessen Sterbebegleitung
durch Opiate und Schlafmittel“, und dass in Pflegeheimen „Patienten über 80 Jahre, die
beatmungspflichtig wären“, eine „schnelle Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln“
zukommt, und zwar bereits „durch den Rettungsdienst.“ Auch wenn dieser Darstellung von
den Straßburger Ärzten heftig widersprochen wurde, offenbaren die drastischen
Schilderungen dieses angeblichen Vorgehens des französischen Nachbarlandes durch das
DIfKM eine geheime Botschaft: Deutschland möge es gleichtun!
Am 25. März 2020 wurde von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und
Notfallmedizin (DIVI) und sechs weiteren Fachorganisationen, darunter auch die Akademie
für Ethik in der Medizin (AEM), wenn auch mit einem uneinheitlichen Votum, eine
gemeinsame Stellungnahme „Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der
Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19-Pandemie. Klinisch-ethische
Empfehlungen“ vorgelegt. Darin werden äußerst differenziert (1) allgemeine Grundsätze der
individuellen, patientenzentrierten Entscheidungsfindung und zusätzliche
Entscheidungsgrundlagen bei Ressourcenknappheit, (2) Verfahren und Kriterien für
Priorisierungsentscheidung über die Aufnahme auf Intensivstation und über die
Therapiezieländerung bei laufender intensivmedizinischer Behandlung (Re-Evaluation) und
(3) Kriterien für die präklinische Priorisierung relevanter Entscheidungssituationen
(Rettungsdienst, Pflegeheime; Notaufnahme; Allgemeinstation) „aufgrund neuer
Erkenntnisse, praktischer Erfahrungen und weiterer relevanter Entwicklungen“ dargestellt,
und zwar mit und ohne Pandemielage. Es werden keine Altersangaben gemacht oder
Risikogruppen genannt, sondern neben der ärztlichen Indikation und der Zustimmung des
Patienten/des Betreuers die klinische Erfolgsaussicht als zentrales Kriterium einer
priorisierten Entscheidungsfindung herangezogen. Dabei gilt das Mehraugen-Prinzip im
berufs- und fachgruppenübergreifenden Team, eine transparente Kommunikation mit
Angehörigen und juristischen Stellvertretern und eine sachgerechte Dokumentation. Die
Priorisierung soll immer zwischen allen Patienten, die der Intensivbehandlung bedürfen,
erfolgen, unabhängig davon, wo sie gerade versorgt werden (Notaufnahme, Allgemeinstation,
Intensivstation). Sie habe dem Gleichheitsgrundsatz zu folgen. Sie sei vertretbar nur
innerhalb der Gruppe der Covid-Erkrankten und nicht zulässig allein aufgrund des
kalendarischen Alters oder aufgrund sozialer Kriterien.
Kritisch ist hierzu anzumerken, dass neben zahlreichen Kriterien die Erfassung der
Gebrechlichkeit (Clinical Frailty Scale, CFS) herangezogen wird, dass die Einschätzung der
individuellen Erfolgsaussicht (Prognose) bei schweren Hirnschädigungen in der Notfallphase
keinesfalls möglich ist und somit in der klinischen Alltagswirklichkeit der
Gebrechlichkeitsskala ein zentraler Stellenwert, wie im DIVI-Papier angedacht, keinesfalls
zukommen kann und darf.

Die CFS wurde von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e.V. entwickelt. Demnach
werden Patienten anhand von neun Kriterien eingestuft:

(1) Sehr fit
(2) Durchschnittlich aktiv
(3) Gut zurechtkommend
(4) Vulnerabel - aufgrund von Krankheitssymptomen oft in der Aktivität eingeschränkt
(5) Geringgradig gebrechlich - in ihren Aktivitäten verlangsamt, Hilfe bei
anspruchsvollen Alltagsaktivitäten notwendig
(6) Mittelgradig gebrechlich - Hilfe bei allen außerhäuslichen Tätigkeiten und bei der
Haushaltsführung - Baden /Duschen/Ankleiden notwendig
20
(7) Ausgeprägte Gebrechlichkeit aufgrund körperlicher oder kognitiver Einschränkungen
- bei der Körperpflege komplett auf externe Hilfe angewiesen, aber gesundheitlich
stabil. Geringe Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 6 Monate zu sterben
(8) Extrem gebrechlich - komplett von Unterstützung abhängig und sich ihrem
Lebensende nähernd
(9) Terminal erkrankt – Lebenserwartung < 6 Monate.

Diese Skala wird den Lebenserfahrungen von Langzeit-chronisch-Kranken und Langzeit-
(Mehrfach-)Behinderten ohne und mit neurologischen Erkrankungen in keiner Weise
gerecht. Relevante neurologische Krankheitsbilder wie Amyotrophische Lateralsklerose
(ALS: Langzeitbeatmung, Rollstuhl, technische Kommunikationshilfe), Locked-in-Syndrom
(LIS, Rollstuhlabhängigkeit, häufiges Angewiesensein auf eine technische
Kommunikationshilfe, evtl. mit Beatmung) und anderen kritisch Kranken mit neurologischzentralen
(Querschnittslähmung, Rollstuhl) und peripher muskuloskelettalen Erkrankungen
(„Behinderungen“ wie Glasknochenkrankheit, Muskeldystrophie, spinale Atrophie, criticalillness-
Myopathie (CIM), und -(Poly)Neuropathie (CIP, Guillian Barré Syndrom) und selbst
auch Wachkoma-Langzeitpatienten ohne Beatmung, die bundesweit immerhin etwa 1 Mio.
Menschen betreffen, bleiben in dieser geriatrisch-exklusiven Skala unberücksichtigt. Jedoch
weisen Patienten mit diesen Krankheitsbildern entgegen den nihilistischen akut- und
rehamedizinischen Vorhersagen nicht selten ein überraschendes langjähriges Überleben mit
subjektiv wahrgenommener hoher Lebensqualität und Lebenszufriedenheit auf - ganz im
Gegensatz zu ärztlichen Lehrbuch-Prognosen und selbst auch zu den Erwartungen und
Vorstellungen naher Angehöriger!
Am 27. März 2020 hat der Deutsche Ethikrat in einer Ad-hoc-Empfehlung „Solidarität und
Verantwortung in der Corona-Krise“ zur Triage-Debatte Stellung genommen. Es wird
herausgestellt, dass der ethische Kernkonflikt in Corona-Zeiten darin besteht, dass „ein
dauerhafthochwertiges, leistungsfähiges Gesundheitssystem“ gesichert und zugleich
„schwerwiegende Nebenfolgen für Bevölkerung und Gesellschaft durch die Maßnahmen
abgewendet und gemildert werden“ müssen. Die Empfehlungen verstehen sich als „ethische
Orientierungshilfe in dramatischen Handlungs- und Entscheidungssituationen, vor allem der
sogenannten Triage.“ Das bedeute nicht die Rückkehr zur Normalität, zum status quo ante
oder einer vollständigen Beseitigung der Gefahrensituation. Vielmehr gehe es um die Frage,
unter welchen Bedingungen von einem wieder akzeptablen Risikolevel als zwar notwendig
unbestimmten, aber gleichwohl gesellschaftlich nachvollziehbaren „allgemeinen
Lebensrisiko“ ausgegangen werden könne. „Ein solches Vorgehen setzt sinnvollerweise auf
klare zeitliche und sachliche Etappenziele, um gegenüber der jetzigen Beschränkungsstrategie
Öffnungsperspektiven zu bieten.“ Zu den Grundvorgaben der Bewältigung dilemmatischer
Entscheidungssituationen seien für die ärztlicher Ethik die fundamentalen Vorgaben der
Verfassung: die Garantie der Menschenwürde, der Diskiminierungsschutz, die
Lebenswertindifferenz, die staatliche Unterscheidung nach Wert und Dauer des Lebens mit
Vorgaben von Überlebenschancen und Sterbesituationen in Krisensituationen. Weiter heißt
es:
„Jedes menschliche Leben genießt den gleichen Schutz. Damit sind nicht nur
Differenzierungen etwa aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Herkunft untersagt.
Auch eine Klassifizierung anhand des Alters, der sozialen Rolle und ihrer angenommenen
´Wertigkeit´ oder eines prognostizierten Lebensdauer muss seitens des Staates unterbleiben
… Selbst in Ausnahmezeiten eines flächendeckenden und katastrophalen Notstands hat er
nicht nur die Pflicht, möglichst viele Menschenleben zu retten, sondern auch und vor allem
die Grundlagen der Rechtsordnung zu garantieren … Die Möglichkeiten des Staates, abstrakt
bindende Vorgaben für die Allokation knapper Ressourcen zu machen, sind somit begrenzt.
… Das bedeutet nicht, dass keine handlungsleitenden Vorgaben konzipiert werden können …
Das verweist auf die Funktion zum Beispiel der Fachgesellschaften, die im Rahmen der
vorgenannten Grundlagen wichtige Orientierungshilfen geben können und sollten, welche
inhaltlich über das hinausgehen, was staatlicherseits zulässig wäre … Die damit
hervorgehobene Primärverantwortung der Medizin für einzelnen Entscheidungen und deren
Umsetzung folgt aus den erwähnten Grenzen des staatliche Normierbaren … In der Reaktion
auf die aktuelle Krise sind, wie angedeutet, erste Empfehlungen medizinischer
Fachgesellschaften erschienen.“ (S. 3 und 4). Für den ethischen Konflikt im Einzelfall werden
vom Ethikrat zwei Grundszenarien unterschieden:
(1) Triage bei Ex-ante-Konkurrenz, wenn etwa die Zahl der unbesetzten Beatmungsplätze
kleiner ist als die Zahl der bedürftigen Patienten. Patienten, denen danach die Behandlung
vorenthalten wird, würden von den medizinischen Entscheidern nicht etwa durch Unterlassen
„getötet“, sondern könnten aus Gründen der tragischen Unmöglichkeit vor dem
krankheitsbedingten Sterben „nicht gerettet“ werden. Das Recht würde für die
Entscheidungen keine positiven Auswahlkriterien bieten. Jedoch sollte sichergestellt werden,
dass Entscheidungen im Hinblick auf sozialen Status, Herkunft, Alter, Behinderung usw.
ausgeschlossen werden. „Aus ethischer Sicht sollte die Entscheidung nach wohlüberlegten,
begründeten, transparenten und möglichst einheitlich angewandten Kriterien geschehen.“ (S.
4)
(2) Triage bei Ex-post-Konkurrenz, wenn etwa alle Beatmungsplätze belegt sind und bei für
alle Versorgten fortbestehender Indikation, die lebenserhaltende Behandlung eines Patienten
beendet werden müsste, „um mit dem dafür erforderlichen medizinischen Gerät das Leben
eines andern zu retten … Hier können Grenzsituationen entstehen, die für das behandelnde
Personal seelisch kaum zu bewältigen sind. Wer in einer solchen Lage
Gewissensentscheidungen trifft, die ethische begründbar ist und transparenten - etwa von
medizinischen Fachgesellschaften aufgestellten - Kriterien folgt, kann im Fall einer
möglichen (straf-)rechtlichen Aufarbeitung des Geschehens mit einer entschuldigenden
Nachsicht der Rechtsordnung rechnen … Objektiv rechtens ist das aktive Beenden einer
laufenden, weiterhin indizierten Behandlung zum Zweck der Rettung eines Dritten jedoch
nicht.“ (S. 4) Und an den prinzipiellen Imperativ erinnernd, wird ausgeführt, dass auch in
Katastrophenzeiten der Staat die Fundamente der Rechtsordnung zu sichern habe.
Es werden anschließend Legitimationsvoraussetzungen der negativen Auswirkungen des
weitgehend gesellschaftlichen Lockdowns dargestellt, die einer ernsthaften gesellschaftlichen
Debatte bedürfen. An möglichen Elementen eines Vorgehens mit dem Ziel der weitgehenden
Vermeidung von Triage-Situationen werden sinngemäß aufgeführt:
 Stärkung und Stabilisierung der Kapazitäten des Gesundheitswesens, insbesondere der
Pflege und Intensivkapazitäten
 Bessere Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen
 Ausbau der Testkapazitäten
 Kontinuierliche Datensammlung zu Covid-19-Verlaufen, individueller und
Gruppenimmunität einschließlich Modellentwicklung der Effektivität von
Interventionen
 Förderung und Unterstützung von Forschung zu Impfstoffen und Therapeutika
 Unterstützung von interdisziplinärer Forschung zu sozialen und psychischen Folgen
 Kontinuierliche Re-Evaluation von freiheitseinschränkenden Maßnahmen mit
schrittweiser Zurücknahme und eine Wiederaufnahme sozialer und ökonomischer
Aktivität
 Entwicklung von effektiven und erträglichen Schutz-/Isolationsstrategien für
Risikogruppen (Vorerkrankte, ältere Menschen) und in Einrichtungen der
Langzeitpflege
 Präventive Krankschreibung für jüngere Hochrisikogruppen, die sich in
Selbstisolation befinden
 Fundierte Informationsstrategie, regelmäßige und transparente Kommunikation über
die ergriffenen Maßnahmen (A.Z.: hier fehlen Angaben über zeitliche Begrenzung und
Begründung!)
 Konkrete Berechnungen der zu erwartenden Kosten durch ergriffene Maßnahmen und
Alternativszenarien.
Gerade in der Krise als „Stunde der Exekutive“ sei „auf das Zusammenwirken des
„gewaltengeliederten und zudem föderalen Staates mit der Vielfalt gesellschaftlicher und
namentlich wissenschaftlicher Stimmen zu setzen.“ Die aktuellen Fragen würden die gesamte
Gesellschaft berühren und dürften nicht an einzelne Personen oder Institutionen delegiert
werden. Entscheidungen müssten von den Organen getroffen werden, “die hierfür durch das
Volk mandadiert und demensprechend auch in politischer Verantwortung stehen. Die Corona-
Krise ist die Stunde der demokratisch legitimierten Politik.“ (S. 6) Als weiteres Mitglied des
Ethikrates hat ein Gießener Rechtswissenschaftler die Ausführungen des Gremiums zur
„Triage“ dahingehend erläutert, dass der Gleichheitsgrundsatz der Menschenwürde gelten
müsse. Das gelte auch für die Kriterien der medizinischen Fachgesellschaften. Jede
diskriminierende Auswahl etwa nach Alter oder soziale Zugehörigkeit sei ausgeschlossen.
Damit blieben als wesentliche Kriterien die therapeutischen Erfolgsaussichten.
Ethische Konflikte
Gegen die Verwendung der umstrittenen Triage-Kriterien, vor allem gegen die Anwendung
Gebrechlichkeitsskala und die Vernachlässigung der menschen- und verfassungsrechtlich
garantierten Menschenwürde, hat sich ein Sturm des Protestes erhoben:
Bereits am 3. April 2020 hat die Deutschen Stiftung Patientenschutz Regelungsbedarf
angemeldet: "Denn nur das Parlament hat die demokratische Legitimation, ethische Regeln
über die Verteilung von Lebenschancen festzulegen." Denn die Richtlinien des Deutschen
Ethikrats und der medizinischen Fachgesellschaften widersprächen sich in einem
entscheidenden Punkt. Die Fachgesellschaften schrieben den Ärzten das Recht zu, bei einem
Intensivpatienten die Therapie einzustellen, um einen anderen Patienten mit höherer
Erfolgsaussicht zu versorgen. Ein solches Vorgehen halte aber der Ethikrat für rechtswidrig.
Deshalb müsse der Bundestag jetzt klären, ob das Kriterium Erfolgsaussicht oder
Dringlichkeit Vorrang haben soll. Bisher spreche die medizinische Praxis sich für die
Dringlichkeit aus - mit Verweis auf die Transplantationsmedizin.
Von der LIGA Selbstbestimmung wurde am 7. April 2020 der Deutsche Bundestag
aufgefordert, angesichts der gegenwärtig kursierenden Papiere zu menschenrechtlich
problematischen Entscheidungen über Leben und Tod bei knappen Ressourcen eindeutig
Stellung zu beziehen. Medizinische Fachgesellschaften würden mit einer fragwürdigen
Gebrechlichkeitsskala arbeiten und daraus Kriterien für die Zuteilung knapper Ressourcen
ableiten. Der Ethikrat habe in seiner Ad-hoc-Empfehlung die Verantwortung des Staates
bereits als erfüllt angesehen, wenn er lediglich grobe Vorgaben erstellt. Da es aber um
fundamentale Grundlagen des Zusammenlebens ginge, müsse der deutsche Bundesstag eine
eindeutig fundierte Position beziehen. Entsprechende wird gefordert, dass
 die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften nicht angewendet werden
dürfen
 der Ethikrat seine Empfehlung überarbeiten müsse
 Behinderung kein Kriterium bei Priorisierungsentscheidungen sein dürfe
 nicht von „Risikogruppen“, sondern nur von „besonders gefährdeten Personen“ ohne
pauschale Gruppenbildung aufgrund von Alter oder Diagnosen etc. gesprochen
werden dürfe
 bei der Erarbeitung seiner menschenrechtlich fundierten Positionierung der Bundestag
die betroffenen Menschen über die sie vertretenden Verbände beteiligen müsse.
Von Abilitywatch.de wurde am 13. April 2020 ein Positionspapier „Mensch ist Mensch“
herausgegeben, welches sich mit den DIVI-Empfehlungen auseinandersetzt, nachdem einige
Tage gebraucht wurden, um den „tiefen sitzenden Schock zu realisieren.“ Für Menschen mit
Behinderungen seien die vorgestellten Triage-Empfehlungen nicht hinnehmbar, weil die
Betroffenen strukturell und grundsätzlich benachteiligt würden. Die Gebrechlichkeitsskala,
die Patienten nach ihrem äußerlichen Erscheinungsbild in verschiedene Kategorien sortiert,
die dann zur Priorisierung mit Blick auf eine „klinische Erfolgsaussicht“ führt, sei
inakzeptabel. Der aus der Skala resultierende Wert entscheide darüber, wer lebensrettende
Behandlungen erhält und wer nicht. Es gehe dabei nicht um eine „best-choice“-Entscheidung,
sondern um einen Verzicht auf Behandlung derer, bei denen durch einen völlig
unzulänglichen und diskriminierenden Katalog geringere Erfolgsaussichten vorhergesagt
würden. Allein durch die in der Skala benutzte „Abhängigkeit“ von anderen,
Unterstützungsbedarf, die Nutzung von Gehhilfen, Rollstühlen etc. gelten diese Menschen als
„gebrechlich“. Dabei könnte es sich durchaus um z.B. einen jungen querschnittsgelähmten
Rollstuhlfahrer oder um einen Patienten mit Muskeldystrophie mit handeln. Die Skala sage
nämlich nichts darüber aus, ob die Behandlung tatsächlich erfolgreich sein wird oder nicht:
„In Großbritannien führte der Einsatz dieser Methodik anfangs zu einer grundsätzlichen
Nichtbehandlung behinderter Menschen und wurde erst durch massiven Protest von
Menschen mit Behinderung relativiert.“
Im DIVI-Leitfaden würden Kriterien von Komorbiditäten mit Beeinträchtigung des
Langzeitüberlebens aufgeführt, darunter auch: „Weit fortgeschrittene generalisierte
neurologische und neuromuskuläre Erkrankungen.“ Das Vorhandensein einer Vorerkrankung
könne in dieser allgemeinen Aussage jedoch nichts über die Erfolgsaussichten der
Behandlung und des Langzeitüberlebens aussagen. Selbst, wenn dies so wäre, sei durch das
Grundgesetz eine Abwägung von Leben gegen Leben ausgeschlossen: “Auch ein Mensch mit
Behinderung, mit Vorerkrankungen oder ältere Menschen müssen darauf vertrauen dürfen,
dass sie die gleichen Chance auf Lebensrettung haben wie jeder andere Menschen auch.“
Doch würden im Ernstfall Entscheidungen getroffen, die auf einer vermeintlichen
„Lebenswert-Nicht Lebenswert“-Alternative beruhen oder auf einer Entscheidung, wieviel
Lebenszeit mutmaßlich nach erfolgreicher Behandlung verbleiben würde („sechs Monate“).
Selbst wenn das Mehraugenprinzip durchgeführt würde, sei dieses geprägt vom
medizinischen Modell von Behinderung, welches spätestens seit der UNBehindertenrechtskonvention
durch das soziale Modell von Behinderung abgelöst wurde. Das
wiege umso schwerer, als bei der DIVI-Empfehlung kein Verband und keine Institution von
Menschen mit Behinderung oder andere Minderheiten beteiligt worden seien, die auf diese
Umstände hätten hinweisen können.
Auch wenn bei Ressourcenknappheit eine Entscheidung schwierig sei, könne eine ärztliche
Entscheidung als Gewissensentscheidung nicht durch das Abhaken diskriminierender
Prüfungskriterien abgenommen werden. Willkürliche und strukturelle diskriminierende
Entscheidungen seien verboten. Die Triage nach Erfolgsaussichten durchzuführen, sei nur
eine von mehreren Handlungsmaximen wie das Dringlichkeit-, Zufalls- oder Prioritätsprinzip.
Deshalb sollte der Gesetzgeber pflichtgemäß nach Artikel 1 der uneingeschränkten
Menschenwürde Prinzipien für die Wahl der Entscheidungsmaximen aufstellen, um und
Menschen mit Behinderungen vor fremdbestimmten willkürlichen Entscheidungen zu
schützen. Dass der Präsident der DIVI öffentlich die Frage aufgeworfen habe, ob es wirklich
Sinn ergebe, „Menschen mit sehr hohem Alter, die aus eigener Kraft schon lange kaum mehr
leben können und schwere chronische Begleiterkrankungen haben, noch zu intubieren und auf
einer Intensivstation zu beatmen“, wecke schlimmste Erinnerungen auf Begründungsmuster
aus längst überwunden geglaubten Zeiten auf. Es müsse durch ein Parlamentsgesetz
sichergestellt werden, dass die Entscheidungskriterien keinen unmittelbar oder mittelbar
diskriminierenden Charakter haben, und dass für Patient*innen Rechtsschutzmöglichkeiten
bestehen.
Hier ist vom Autor sachlich-fachlich zu ergänzen, dass allein in Deutschland bereits vor der
Corona-Pandemie etwa 20.000-50.000 Patient*innen mit chronisch-neurologischen und
kritisch-chronischen Erkrankungen wie Locked-in-Syndrom (LIS), Amyotrophische
Lateralsklerose (ALS), hohes Querschnittssyndrom sowie chronisch-muskuloskelettalen
Erkrankungen (CIM, CIP) ambulant intensivpflegebedürftig gewesen sind und als anerkannte
„Schwerbehinderte“ langzeitbeatmet werden mussten, im Einzelfall über Jahrzehnte. Diese
Patient*innen würden gemäß CFS vollständig der „Risikogruppe“ mit niedrigen
Erfolgsaussichten zugeordnet, obwohl sie in Befragungen für sich einer hohe Lebensqualität
und Lebenszufriedenheit angeben und bei angemessener pflegerischer, medizinischer und
therapeutischer inklusiv-teilhabeorientierter Langzeitversorgung eine
Behandlungsperspektive mit hoher Lebenserwartung aufweisen.
Zu den Triage-Entscheidungskriterien haben sich verschiedene Organisationen zu Wort
gemeldet, u.a. (1) der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und (2) das Bochumer
Zentrum für Disability Studies (BODYS), die sich auf das Forum der behinderten Juristinnen
und Juristen (FbJJ), den Hamburger Medizinrechtler Oliver Tolmein und das Deutsche
Institut für Menschenrechte berufen.
Der (1) Behindertenbeauftragte der Bundesregierung forderte am 17. April 2020 eine
Bundestagsdebatte zu der Frage, nach welchen Kriterien bei begrenzten Kapazitäten in den
Krankenhäusern entschieden werden soll, welche Codi-10-Patienten weiter behandelt werden.
Ärztinnen und Ärzte brauchten einen Leitfaden. Solche Entscheidungen könnten nicht an die
Wissenschaft delegiert werden. Auch der Deutsche Ethikrat habe in seiner Stellungnahme
betont, dass der Staat keine Handlungsmaxime für die sogenannte Triage vorgeben sollte. Der
Staat dürfte menschliches Leben nicht bewerten und auch deshalb nicht vorschreiben,
welches Leben in einer Konfliktsituation vorrangig zu retten sei. Das Gremium habe auf die
Verantwortung von Fachgesellschaften und deren Empfehlungen verwiesen. Er habe die
Sorge, dass diese Empfehlungen falsch ausgelegt werden. Viele Behinderungen gingen mit
Vorerkrankungen einher, was nicht heißen dürfe, dass deshalb nicht behandelt werden sollte.
Es müsse ganz klar sein, dass der Zustand vor der Akuterkrankung der Maßstab sein müsse,
wenn in einer Triage-Situation Erfolgsaussichten einer Therapie gegeneinander abgewogen
werden müssten.
Vom (2) Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS) wurde eine Stellungnahme
„Inklusion in Zeiten der Katastrophen-Medizin“ zur „gegenwärtigen Triage-Debatte, in der
behinderte Menschen hintangestellt werden sollen“ abgegeben. 11 Jahre nach dem
Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention sei Menschenrecht in diesen hektischen
Zeiten des medizinischen Krisenmanagements aus dem Blickfeld geraten. Menschenrechte
seien gerade auch in Katastrophenzeiten zu beachten, wenn die Errungenschaften des
Rechtsstaates nicht abhandenkommen sollen. Die Frage, wessen Leben gerettet werden soll,
sei nicht privaten Fachgesellschaften der Medizin, wie DIVI und anderen anheimzustellen,
zumal sie gegen die in der Verfassung festgelegten Menschenrechte, insbesondere der
Würdegarantie und der Diskriminierungsverbote verstoßen. Die Empfehlungen der DIVI
sprechen sich als Entscheidungskriterium für die Erfolgsaussicht aus, zusätzlich werden
Komorbiditäten und die Gebrechlichkeitsskala herangezogen. Der Rechtsanwalt und
Medizinrechtler Tolmein habe die Gebrechlichkeitsskala als ein Instrument eingeschätzt,
welches bei der Auswahlentscheidung in der Transplantationsmedizin eine Rolle spielt, und
dargelegt, dass es bei der Anwendung dieser Skala nicht nur um ein Dilemma gehe. Der
Entscheidungsalgorithmus bevorzuge Personen ohne Beeinträchtigungen vor denen mit
chronisch-neurologischer Erkrankung und hohem Assistenzbedarf oder einer jungen Frau mit
Down-Syndrom. Das BRODYS-Zentrum betont den Schutz der Menschenwürde statt
utilitaristischer Abwägung. Alter, Behinderung, sozialer Status oder anderen Eigenschaften
dürften nicht als Entscheidungskriterium, wessen Leben gerettet werden soll, herangezogen
werden. Das verbieten die Diskriminierungsverbote nach Art. 3 Grundgesetz (GG): “Niemand
darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ und Art. 10 der UN-BRK, in dem das
Recht auf Leben für alle behinderte Menschen garantiert wird. Das Bundesverfassungsgericht
(BVG) habe mehrfach entschieden, dass die UN-BRK zur Auslegung des Grundgesetzes
herangezogen werden müsse. Artikel 25 der UN-BRK verpflichte die Staaten,
“diskriminierende Vorenthaltung von Gesundheitsversorgung oder -leistungen oder von
Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten aufgrund von Behinderung“ zu verhindern. Daher seien
Menschen mit Behinderungen vor Diskriminierung und vor der Nichtbeachtung dieser
Menschenrechtsquellen durch die DIVI-Empfehlungen unbedingt zu schützen. Die
Anwendung der Gebrechlichkeitsskala für Allokationsentscheidungen impliziere zudem eine
Bewertung ihres Lebens, die mit der Menschenwürdegarantie nach Artikel 1 GG unvereinbar
sei: „Menschliches Leben und menschliche Würde genießen ohne Rücksicht auf die Dauer
der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz“, so
das BVG 2006 unmissverständlich.
Die Haltung des Deutschen Ethikrates schwäche die Menschenrechte, wenn er zwar
Lebensschutz und Gleichheit betont, jedoch zu Unrecht diese Entscheidung in die Hände
medizinischer Fachgesellschaften legt: „Aus dem Verbot einer eigenen staatlichen Bewertung
folgt nicht, dass entsprechende Entscheidungen nicht akzeptiert werden können“, so der
Ethikrat, sodann aber auf Fachgesellschaften verweist, „die im Rahmen der vorgenannten
Grundvorgaben wichtige Orientierungshilfen geben können und sollten, welche inhaltlich
über das hinausgehen, was staatlicherseits zulässig wäre.“ Damit würde eine Haltung „Not
kennt kein Gebot“ befördert, welche die Errungenschaften des Menschenrechtsstaates
entwerte, obwohl Menschenrechte gerade in Zeiten der Krise Halt böten.
Es wird daher die Schutzpflicht des Staates eingefordert. Auch von der Katastrophenmedizin
müsse der mit der UN-BRK eingeleitete Paradigmenwechsel vom medizinischen Modell zu
einem menschenrechtlichen Modell vollzogen werden. Der Staat dürfe sich nicht einfach zum
Komplizen diskriminierender Empfehlungen von medizinischen Fachgesellschaften machen.
Es seien konkrete, zeitliche befristete und an den Menschenrechten orientierte Leitlinien in
einem rechtsstaatlichen Verfahren zu generieren. Wesentliche grundrechtsrelevante
Maßnahmen der Gesellschaft müssten vom Gesetzgeber selbst geregelt werden. Dass dies
nicht einmal der Exekutive alleine überlassen werden dürfe, sondern der Kontrolle der
Legislative, dem Parlament, als eigenständigem Kontroll- und Handlungsorgan in der
Notstandssituation unterliegen müsse, sei auch vom Deutschen Institut für Menschenrechte in
einer Erklärung zur Corona-Krise betont worden. Aus behinderungsrechtlicher Perspektive
seien in diesem Zusammenhang neben der UN-BRK als zentraler Rechtsquelle die Studie des
Hohen Kommissars für Menschenrechte zu Artikel 11 der UN-BRK aus dem Jahre 2015, die
auch von Deutschland unterzeichnete Charta on Inclusion of Persons with Disabilities in
Humanitarian Action von 2016 und des Sendau-Rahmenwerkes für Katastrophenvorsorge
2015-2020 anzuwenden. Sie verweisen auf die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass eine
Triage-Situation nicht eintritt. Wenn sie eintreten sollte, seien Patient*innen, die mit
Erfolgsaussichten behandelt werden können, gleichberechtigte Behandlungschancen
einzuräumen. Mit Hinweis auf die Stellungnahme des Forums behinderter Juristinnen und
Juristen (FbJJ) zu den Empfehlungen der Fachverbände, wird für den Fall einer Triage
erklärt: “Sowohl das Prioritätsprinzip (wer war zuerst da?), das Dringlichkeitsprinzip (wer
braucht die Behandlung am notwendigsten?) als letztlich auch das Zufallsprinzipien erfüllen
diese Voraussetzungen.“
Aufgrund zahlreicher Proteste haben die Fachgesellschaft DIVI et al am 23. April 2020 eine
überarbeitete Fassung „Wir entscheiden nicht nach Alter oder Behinderung“ vorgelegt und
sind dabei insbesondere auf aktuell diskutierte Fragen von Triage und Öffnungsperspektiven
eingegangen (LINK unter „Referenzen“). Doch ist auch diese geänderte Fassung aus der
Behindertenpolitikbewegung in die Kritik geraten. So hat Kassandra Ruhm am 24. April 2020
unter kobinet.org einen Kommentar „Wir lassen uns nicht verarschen“ zu der „neuen“
Handreichung, geschrieben: „Direkt im Titel des gestern dazu erschienenen Artikels preist
sich die DIVI selbst mit: ´Wir entscheiden nicht nach Alter oder Behinderung´. Eine der
beiden Zwischenüberschriften des Artikels lautet „Gleichbehandlung: Alter,
Grunderkrankung und Behinderung sind keine Kriterien!“, und auch im Text stehen viele gut
klingende Worte. Offensichtlich ist die Kritik an der Benachteiligung behinderter Menschen
so laut hörbar geworden, dass man diese Selbstdarstellung für nötig befand. Ich habe aber
nicht nur den Artikel gelesen, sondern auch die aktualisierte 14-seitige
Handlungsempfehlung. Die Unterschiede der alten und der neuen Version in den für
behinderte Menschen lebenswichtigen Bereichen sind erschreckend klein. Weiterhin soll die
Entscheidung, wer bei zu knappen intensivmedizinischen Ressourcen behandelt werden soll
und wer nicht, von der vermuteten „Erfolgsaussicht“ der Behandlung abhängen. Als die drei
„Kriterien für geringe Erfolgsaussicht“ gibt die DIVI die Schwere der aktuellen Erkrankung,
Komorbiditäten und einen allgemeinen Gesundheitsstatus mit „Erhöhter Gebrechlichkeit (z.B.
Clinical Frailty Scale CFS)“ an (S.13). Die Messskala „Clinical Frailty Scale“ (CFS) wurde
für die Beschreibung der Gebrechlichkeit alter Menschen entwickelt und ist nur für Menschen
älter als 65 Jahren überprüft worden. Behinderte Menschen bekommen bei Nutzung der
Messskala CFS genau denselben Behandlungserfolg zugeordnet, wie alte Menschen, die
aufgrund von Alterungsprozessen so gebrechlich geworden sind, dass sie die gleichen
körperlichen Einschränkungen haben. Wenn ein ursprünglich nichtbehinderter Mensch
aufgrund des natürlichen Alterungsprozesses noch nicht einmal mehr gehen kann, hat er
meiner Ansicht nach im Durchschnitt eine deutlich andere gesundheitliche Stabilität und
Regenerationsfähigkeit mit sich, als wenn jemand z.B. aufgrund eines Sportunfalls die Beine
verloren oder eine Querschnittslähmung erlitten hat oder mit Dysmelien (ungewöhnlich
geformten Gliedmaßen) geboren wurde und deshalb nicht gehen kann. Bei der
vorgeschlagenen Skala CFS werden beide grundverschiedenen gesundheitlichen Bedingungen
jedoch gleich gesetzt. Das bedeutet, dass behinderte Menschen systematisch deutlich
schlechtere Punktwerte bekommen als Nichtbehinderte, ohne dass es Belege dafür gibt, dass
intensivmedizinische Behandlungen bei ihnen tatsächlich nur geringe Erfolgsaussichten
hätten. Bei der Messskala CFS wird die „Gebrechlichkeit“ von Menschen auf einer Skala von
1-9 angegeben. Je niedriger der Wert ist, desto höher sind die Chancen auf Behandlung.
Menschen mit Assistenzbedarf bekommen nach den aufgeführten Kriterien der „Clinical
Frailty Scale“ 9-6 Punkte, im günstigsten Fall 5 Punkte. Die Wahrscheinlichkeit, im Triage-
Fall die benötigte Behandlung zu bekommen, ist damit gering. Von mehreren Seiten wurde
die Kritik an der lebensbedrohlichen Benachteiligung behinderter Menschen durch die
Messskala CFS an die DIVI herangetragen. Trotzdem wird in der überarbeiteten Version der
´klinisch-ethischen Empfehlungen´ unverändert immer wieder auf die CFS zur Bewertung des
Gesundheitsstatus hingewiesen (auf S. 6, 7, 13 und 14). Wer mehr konkrete Beispiele über die
Bewertungsvorgaben der DIVI-Empfehlung lesen möchte, kann sich die untenstehenden
Absätze meines Kobinet-Artikels vom 18.4. ansehen. Die Kritikpunkte meines Artikels
bestehen leider auch in der aktualisierten DIVI-Empfehlung unverändert weiter, obwohl mein
Artikel der DIVI vorliegt. Unter diesen Bedingungen zu behaupten, Behinderung wäre kein
Kriterium und man würde gleichbehandeln, ist schon dreist. Ich finde, man darf sich nicht in
solchem Ausmaß und auf Kosten anderer unangemessen gut darstellen. Lassen wir die DIVI
mit ihrem irreführenden Artikel und der Gefährdung behinderten Lebens nicht
durchkommen!“
Der Anhang aus dem Artikel von Kassandra Ruhm vom 18. April 2020 (ergänzte Fassung):
Wie soll im Krisenfall entschieden werden, wer behandelt wird und wer nicht? wird hier
wegen seiner Deutlichkeit und Kompetenz einer Selbstbetroffenen in ganzer Länge hier
wiedergegeben und sollte nicht übersprungen werden!
„Es ist eine extrem belastende Situation für die medizinischen Fachkräfte, im Fall des Falles
zu entscheiden, wer behandelt werden soll und wer nicht. Es gibt gute Gründe, ihnen Hilfen
und Leitfäden für die Entscheidungsfindung an die Hand zu geben, um diese Belastung zu
lindern. Zu diesem Zweck hat die „Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und
Notfallmedizin“ (DIVI) zusammen mit 6 anderen medizinischen Fachgesellschaften
„Klinisch-ethische Empfehlungen“ für die „Entscheidungen über die Zuteilung von
Ressourcen in der Notfall-und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19-Pandemie“
entwickelt. Ich beziehe mich in diesem Artikel auf die 13-seitige Fassung vom 25.3.2020, die
ich am 17.4.2020 heruntergeladen habe. Link:
https://www.divi.de/empfehlungen/publikationen/covid-19/1540-covid-19-ethik-empfehlungv2/
file Nach diesen Empfehlungen soll anhand der „klinischen Erfolgsaussicht“ darüber
entschieden werden, wer intensivmedizinische Behandlung bekommt und wer nicht. Konkret:
Patient*innen, bei denen die Behandlung mit geringerer Wahrscheinlichkeit Erfolg haben
wird, sollen nicht behandelt werden, damit diejenigen, bei denen angenommen wird, dass die
Behandlung bei ihnen mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich verläuft und ihr Leben
gerettet werden kann, behandelt werden können. Alter, sozialer Status, berufliche Position,
familiäre Situation oder ähnliche Merkmale werden in den Empfehlungen nicht als
Entscheidungskriterien aufgeführt.


Das Verfahren zur Beurteilung der Erfolgsaussichten

Zur fachgerechten Bewertung der Erfolgsaussichten einer intensivmedizinischen Behandlung
geben die Unterlagen der DIVI ein Verfahren an die Hand. Bei diesem Verfahren werden auf
der „Dokumentationshilfe für Priorisierung bei Ressourcenknappheit“ (im obigen Dokument
auf S. 13), einem einfachen Formular im DIN A4-Format, ein paar Angaben eingetragen, aus
denen sich die Prognose und die Entscheidung über die Behandlung ergibt. Für die Prognose
der Erfolgsaussicht werden drei Faktoren berücksichtigt: Für die „Aktuelle Erkrankung“ und
für den „Allgemeinen Gesundheitsstatus“ wird jeweils ein mit einer Messskala erhobener
Wert in Punkten angegeben. Dazu kommen Angaben zu möglichen schweren
„Komorbiditäten“, also zusätzliche Krankheiten. Aus diesen 3 Angaben ergibt sich die
vermeintliche Erfolgsaussicht. Je ungünstigere Angaben man in einem oder mehreren dieser 3
Bereiche hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, bei zu knappen Ressourcen überhaupt
die benötigte Behandlung zu bekommen. Im Feld „Komorbidität“ stehen 5 Felder für
bestimmte Krankheitsgruppen zum Ankreuzen aufgelistet. Eines davon steht für „Chronisches
Organversagen“ (auf S. 7 im Fließtext des Dokuments wird eine dialysepflichtige
Nierenerkrankung als Beispiel angegeben), ein anderes für „generalisierte neurologische
Erkrankung“, im Fließtext als „weit fortgeschrittene generalisierte neurologische oder
neuromuskuläre Erkrankungen“ ausgeschrieben. Darunter kann man das Feld
„Multimorbidität“ (mehrere Krankheiten gleichzeitig) ankreuzen oder ein Feld für einen sehr
kurzen Kommentar. Anmerkung vom 24.4.2020: In der aktualisierten Fassung wird von einer
„weit fortgeschrittenen neurologischen Erkrankung“ gesprochen und es werden für eine
„schwere Organ-Dysfunktion“ die Unterpunkte Herz, Lunge, Leber, Niere aufgeführt. Diese
Änderungen lösen das Problem meiner Ansicht nach nicht. In der Behindertenbewegung und
meinem übrigen Leben habe ich viele Menschen mit (weit fortgeschrittenen) generalisierten
neurologischen oder neuromuskulären Erkrankungen wie beispielsweise MS, Polio oder
Muskelkrankheiten kennengelernt. Einzelne auch, die Dialyse nutzen mussten. Etliche nette
Menschen hatten mehrere schwerere Erkrankungen gleichzeitig. Ich selbst habe zwar viel
Kraft, werde aber schnell und oft krank. Viele behinderte Menschen sind hingegen
kerngesund, werden nur selten krank oder erholen sich von Krankheiten schnell und gut.
Wieso wir alle laut DIVI „schlechte Erfolgsaussichten“ bei einer intensivmedizinischen
Behandlung haben sollen, erschließt sich mir nicht.
Die Kriterien, nach denen der „Allgemeinen Gesundheitsstatus“ bewertet wird
Noch bedrohlicher wird die Prognose für behinderte Menschen beim wissenschaftlich
fundierten Erheben des Werts für den „Allgemeinen Gesundheitsstatus“. Hier wird nicht
zwingend vorgegeben, mit welcher Methode der Allgemeinzustand erhoben werden soll.
Vorgeschlagen werden jedoch die Messskalen „Clinical Frailty Scale“ (CFS) (im Fließtext
auf S. 6 und S. 7, im Fließdiagramm zur Entscheidungsfindung, S. 12 und im
Bewertungsformular, S. 13) oder ECOG (im Bewertungsformular). Ich habe mir diese beiden
Messskalen etwas genauer angesehen. Beides sind auf den ersten Blick standardisierte und
vielfach erprobte Erhebungsinstrumente.


Die „Clinical Frailty Scale“ (CFS)

Auf der aktuell viel zitierten „Clinical Frailty Scale“ (CFS), die die DGG (Deutsche
Gesellschaft für Geriatrie e.V.) „als Handreichung schnellstmöglich auf jeder Intensivstation
und Notaufnahme hängen“ haben möchte, wird die „Gebrechlichkeit“ von Menschen auf
einer Skala von 1-9 angegeben. Je niedriger der Wert ist, desto höher sind die Chancen auf
Behandlung. Ich habe sie am 17.4.2020 heruntergeladen. Link:
https://www.dggeriatrie.de/images/Bilder/PosterDownload/200331_DGG_Plakat_A4_Clinica
l_Frailty_Scale_CFS.pdf. Menschen mit Assistenzbedarf bekommen nach den aufgeführten
Kriterien der „Clinical Frailty Scale“ 9-6 Punkte, im günstigsten Fall 5 Punkte. Hier der
komplette Wortlaut für die Zuordnung zu 6 Punkten: „Mittelgradig frail“. Personen in dieser
Kategorie benötigen Hilfe bei allen außerhäuslichen Tätigkeiten und bei der
Haushaltsführung. Im Haus haben sie oft Schwierigkeiten mit Treppen, benötigen Hilfe beim
Baden/Duschen und eventuell Anleitung oder minimale Unterstützung beim Ankleiden.“ Ich
selbst brauche Hilfe im Haushalt, mit Treppen habe ich große Schwierigkeiten, hier und da
könnte ich Hilfe auch ansonsten gut gebrauchen. Lange Jahre stand zum Thema
außerhäusliche Tätigkeiten in meinem Schwerbehindertenausweis: „Die Notwendigkeit
ständiger Begleitung ist nachgewiesen.“ Der Standartsatz für Rollstuhlfahrer*innen, der heute
glücklicherweise etwas anders formuliert wird. Um 5 Punkte zu bekommen, darf man Hilfe
nur bei anspruchsvollen Alltagsaktivitäten, wie finanziellen Angelegenheiten, Transport,
schwerer Hausarbeit“ einfordern. Ich bin zwar mobil und relativ sportlich, aber muss mir
behinderungsbedingt auch schon leichte Hausarbeit abnehmen lassen. Danach würde ich mehr
als 5 Punkte bekommen. Um „nur“ 4 Punkte zu bekommen, darf man „nicht auf externe
Hilfen im Alltag angewiesen“ sein. Selbst die fittesten, sportlich außergewöhnlich aktiven,
blinden Menschen, brauchen im Alltag hin und wieder Hilfen. Ich vermute, dass es Ärzte und
Ärztinnen geben wird, die sich über die Angaben der Messskala soweit hinwegsetzen, dass
sie außergewöhnlich sportliche, blinde Menschen trotz des Hilfebedarfs im Alltag mit 1 Punkt
als „Sehr fit“ oder zumindest mit 2 Punkten als „Durchschnittlich aktiv“ bewerten und ihnen
somit Behandlungschancen geben. Nach den „Klinisch-ethischen Empfehlungen“ der DIVI
soll ein ansonsten gesunder, blinder oder anderweitig behinderter Mensch bei einer schweren
Lungenentzündung eine so schlechte Erfolgsaussicht haben, dass er bei zu knappen
Ressourcen keine intensivmedizinische Behandlung bekommt. Im Unterschied dazu
bekommen nichtbehinderte Menschen automatisch nur 1 bis 3 Punkte. Punkte, die darüber
entscheiden, ob jemand dringend benötigte Behandlung bekommt oder nicht.


Die Bewertungsskala ECOG

Als Alternative zur „Clinical Frailty Scale“ (CFS) schlägt die DIVI im Bewertungsformular
den ECOG vor. Der Index zur Lebensqualität der Eastern Cooperative Oncology Group
(ECOG) ist eigentlich zur Beschreibung von Menschen mit Tumorerkrankungen entwickelt
worden. Link: https://www.kompetenznetzleukaemie.
de/content/aerzte/scores/performance_status/. Beim ECOG können 0-5 Punkte
erreicht werden, wobei 0 Punkte für den Zustand vor der Krebserkrankung stehen und 5
Punkte für Tod. Um nur einen Punkt zu bekommen, darf man zwar „Einschränkung bei
körperlicher Anstrengung“ haben, muss aber „gehfähig“ sein und leicht körperlich oder im
Büro arbeiten können. Für 2 Punkte muss man nicht mehr arbeitsfähig, aber noch gehfähig
sein und sich selbst versorgen können. Wenn man dies Bewertungs-System ohne
Modifikation auf einen kerngesunden Rollstuhlfahrer anwendet, landet er automatsch in der
ungünstigsten Hälfte der Punktwerte, sogar wenn er Leistungssportler ist. Theoretisch könnte
man den ECOG so umändern, dass gehbehinderte Menschen nicht ohne sachlichen Grund
benachteiligt werden, weil man für gute Punktwerte voll gehfähig sein muss. Aber auch dann
würden Menschen mit Assistenzbedarf automatisch 3 oder 4 Punkte bekommen, also die
schlechtesten Werte, die möglich sind, solange ein Mensch noch lebt. Jeder Punkt mehr sagt
angeblich aus, dass bei einer Behandlung mit weniger Erfolg gerechnet werden kann.
Sachlichkeit und Gerechtigkeit oder systematische Benachteiligung?
Die Verwendung dieser wissenschaftlich validierten Skalen zur Beschreibung des
„Allgemeinen Gesundheitsstatus“ vermittelt den Eindruck von Sachlichkeit, Neutralität und
Gerechtigkeit. Tatsächlich führt sie aber dazu, dass behinderte Menschen systematisch
deutlich schlechtere Punktwerte bekommen als Nichtbehinderte. Ohne dass es Belege dafür
gibt, dass intensivmedizinische Behandlungen bei ihnen tatsächlich nur geringe
Erfolgsaussichten hätten. Auf der Druckvorlage der DGG (Deutsche Gesellschaft für
Geriatrie e.V.) für die Verwendung in möglichst allen Notaufnahmen und Intensivstationen
kann man folgenden Hinweis finden: „Bedenken Sie, dass die Klinische Frailty Skala nur bei
älteren Personen (≥65 Jahren) umfangreich validiert ist. Die Skala ist nicht bei Personen mit
stabilen dauerhaften Behinderungen, wie z. B. frühkindlichen Hirnschädigungen, validiert, da
deren Prognose stark von der älterer Menschen mit progredienten Behinderungen differieren
könnte.“ In dem 13-seitigen Dokument der DIVI zu „Entscheidungen über die Zuteilung von
Ressourcen“ und auf dem Bewertungsformular findet sich kein warnender Hinweis in dieser
Richtung.


Bewertungsinstrumente, die behinderten Menschen negativ verzerrte Behandlungschancen
zuschreiben

Ich finde es gut, dass die DGG auf das Problem der fehlenden Validierung hinweist. Man
kann den Hinweis der DGG allerdings auch so verstehen, dass die Skala für jüngere,
behinderte Menschen nur noch nicht validiert ist, also noch nicht in ihrer Richtigkeit
wissenschaftlich bestätigt wurde. Das heißt nicht automatisch, dass sie nicht angewendet
werden kann. Menschen, die mit Körperbehinderungen leben, die seit langem unverändert
sind, bekommen bei Nutzung der Messskalen CFS oder ECOG genau denselben
Behandlungserfolg zugeordnet, wie alte Menschen, die aufgrund von Alterungsprozessen so
gebrechlich geworden sind, dass sie dieselben Einschränkungen haben. Wenn ein
ursprünglich nichtbehinderter Mensch aufgrund des natürlichen Alterungsprozesses noch
nicht einmal mehr gehen kann, bringt das meiner Ansicht nach im Durchschnitt eine deutlich
andere gesundheitliche Stabilität und Regenerationsfähigkeit mit sich, als wenn jemand z.B.
aufgrund eines Sportunfalls die Beine verloren oder eine Querschnittslähmung hat oder mit
Dysmelien (ungewöhnlich geformten Gliedmaßen) geboren wurde und deshalb nicht gehen
kann. Bei den vorgeschlagenen Skalen werden beide grundverschiedenen gesundheitlichen
Bedingungen jedoch gleich gesetzt. Da es viele sehr unterschiedliche Behinderungen gibt,
halte ich für möglich, dass es keine umfangreich erprobten und validierten Messskalen für
den allgemeinen Gesundheitsstatus behinderter Menschen gibt. Meiner Ansicht nach darf
allerdings nicht die „Lösung“ sein, uns behinderten Menschen automatisch wesentlich
schlechtere Behandlungschancen zuzuordnen als es unserem Gesundheitsstatus tatsächlich
entspricht, sodass die Wahrscheinlichkeit, in Triage-Situationen überhaupt intensivmedizinisch
behandelt zu werden, gering wird. Ich gehe davon aus, dass ich selbst bei zu
knappen Ressourcen keine lebenserhaltende Behandlung bekommen würde. Als
Rollstuhlfahrerin bekomme ich allein aufgrund meiner Behinderung bei den vermuteten
Erfolgsaussichten viel zu schlechte Punktwerte. Die DGG sagt, dass die Vorhersage eines
Behandlungserfolges von Menschen, die z.B. seit Geburt Spastiker*innen sind und die seit
langem mit unveränderten Einschränkungen leben, stark von der Vorhersage für alte
Menschen mit denselben Einschränkungen abweichen „könnte“. Ich sage, dass man
Bewertungsinstrumente, die behinderten Menschen offensichtlich so stark negativ verzerrte
Behandlungschancen zuschreiben, nicht für behinderte Menschen verwenden DARF. Hier
brauchen wir deutliche Unterstützung durch die Politik, um das Leben behinderter Menschen
zu schützen, nicht nur schwammige Aussagen.“


Palliativ-Intensivmediziner zu Covid-19-Behandlungen

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 11. April 2020 wird vom Palliativmediziner
Matthias Thöns eine „sehr einseitige Ausrichtung auf die Intensivbehandlung“ von Patienten
in der Coronakrise kritisiert. Notwendig sei eine bessere Aufklärung, darüber, dass eine
Intensivtherapie leidvoll sei und das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden kaum stimme.
Thöns hält die Ausrichtung der Politik auf die Intensivbehandlung von Covid-19-Erkrankten,
das Kaufen von Beatmungsgeräten und das Ausloben von Intensivbetten für einseitig. Er sagt
eine „ethische Katastrophe“ voraus. Denn eine Intensivbehandlung von hochaltrigen, vielfach
erkrankten und zumeist schwerstpflegebedürftigen Patienten, von denen 40 Prozent aus einem
Pflegeheimen kämen, und die üblicherweise palliativmedizinisch behandelt wurden, stelle
unter der neuen Erkrankung Covid-19 eine falsche Priorisierung dar: „Es werden alle
ethischen Prinzipien verletzt, die wir so kennen.“ Ärzte sollen mehr nutzen als schaden. Wenn
Covid-19 zum Atemversagen führt, können nach einer chinesischen Studie nur drei Prozent
der Betroffenen gerettet werden. 97 Prozent versterben trotz der nicht selten leidvollen
Maximaltherapie auf einer Intensivstation. Auch stimme dann das Verhältnis zwischen
Nutzen und Schaden nicht mehr. Nur wenige Patienten nach zwei bis drei Wochen Beatmung
kämen zurück in ihr altes Leben, eine große Zahl der Geretteten verblieben
schwerstbehindert. Das seien Zustände, die von den meisten älteren Menschen abgelehnt
werden. Schon die Indikation sei also fraglich. Durch intensivmedizinische Maßnahmen wie
Intubation und Beatmung von Infizierten würde Medizinpersonal in hohem Maße gefährdet:
„Der Wille geht über die Indikation.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass 91 Prozent der
Befragten Maßnahmen ablehnen, die mit dem hohen Risiko einer Behinderung einhergehen.
Man wisse, dass diese Willensermittlung tatsächlich nur bei 4% der Beatmeten stattfindet.
Auch sei nicht auszuschließen, dass das Geld eine Rolle spielt. Beatmungsmedizin werde mit
einem Tag Beatmung über 20.000 Euro extrem gut vergütet wird. Gleichzeitig würden andere
Operationen aufgeschoben. Ethisch sei es eine Katastrophe, Verluste durch die Einsparungen
elektiver Operationen damit auszugleichen, dass man Menschen beatmet. Diese Kritik wird
zwar vom Intensivmediziner Marx zurückgewiesen, auch die Annahme, dass ältere und
vorerkrankte Patienten mit Covid-19 vorzugsweise intensivmedizinisch betreut werden. Die
Ausrichtung auf die Intensivmedizin sei zwar weltweit verbreitet, man glaube, dass, wenn
man mehr Geld in das System steckt und mehr Beatmungsbetten anlegt, diese Krise zu
managen sei. Das sei eine falsche Annahme. Kontakteinschränkungen seien im Moment mit
Sicherheit sinnvoll. Man müsse vermeiden, dass Pflegeheimbewohner sich anstecken. Aber
selbst dann könne man palliativmedizinisch sinnvoll handeln. Man müsse nicht alle beatmen.
Dabei müsse kein Mensch heute mehr leidvoll ersticken, sondern Palliativmedizin könne das
sehr leidlos gestalten. Die Leute müssten jetzt befragt werden, ob sie überhaupt die
Maximalmedizin wollen: isoliert von Ihrer Familie, am Lebensende beatmet auf einer-
Intensivstation zu liegen. Bisher haben nur 30 Prozent der Pflegeheimbewohner eine
Patientenverfügung. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensivmedizin hat
Rahmenbedingungen für schwierige Triage-Entscheidungen auf den Intensivstationen
veröffentlicht. Dabei werden Patienten nach Überlebenswahrscheinlichkeit einteilt. „Besser
wäre natürlich, klar, wenn man von vornherein nur die Patienten mit dem Rettungsdienst in
die Klinik bringt, die auch Intensivmedizin wollen. Und deshalb wäre die Entscheidung viel
früher noch viel besser.“
https://www.deutschlandfunk.de/palliativmediziner-zu-covid-19-behandlungen-sehrfalsche.
694.de.html?dram:article_id=474488


Medizinrechtliche Betrachtung

In der Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes 18/2020 vom 1. Mai wurde eine juristische
Betrachtung des Medizinrechtlers Taupitz zur Triage in einer Pandemie unter dem Titel
„Bislang gesetzlich ungeregelt“ veröffentlicht. Die Standesethik medizinischer
Fachgesellschaften greife zu kurz. Die Pandemiepläne der Bundesregierung und der Länder
enthalten weder Vorgaben noch gesetzliche Normen im Falle einer Triage. Eine Regelung der
Allokation knapper Ressourcen im Pandemiefall durch den parlamentarischen Gesetzgeber
sei daher dringend erforderlich. Im Pandemiefall sollten Allokationskriterien darüber
entscheiden, welcher Patienten anstelle anderer Patienten ein benötigtes Medikament oder
Beatmungsgerät erhält, wer also „bevorzugt“ werde solle. Das Problem der interpersonellen
Verteilung kann die Medizin in ihrer Eigenschaft als Naturwissenschaft jedoch nicht mit
`Bordmitteln´ lösen. Auf die Abwägung von Zielkonflikten sei die Medizin auf normative
Vorgaben durch Ethik und Recht angewiesen. In der Medizinethik kursierten jedoch
zahlreiche konkurrierende Richtungen wie Utilitarismus, Egalitarismus, Individualismus und
Deontologie. Die Frage, welche dieser Richtung maßgeblich sei, könne die Ethik nicht aus
sich heraus beantworten. Es sei daher eine Antwort des Rechts gefordert und nach der
Wesentlichkeitslehre des Bundesverfassungsgerichtes sogar eine solche des
parlamentarischen Gesetzgebers. In kritischer Auseinandersetzung mit der Stellungnahme des
Deutschen Ethikrates spricht sich Taupitz dafür aus, dass in bestimmten Konstellationen eine
Abwägung zulasten des Lebensschutzes möglich sein müsse, wenn nämlich das Leben gegen
ebenso hohe verfassungsrechtliche Güter abgewogen werden müsste. Dabei sei es
grundsätzlich Ziel der Rechtsordnung, ein Optimum an Rechtsgüterschutz zu erreichen. Im
Pandemiefall sei dieses Optimum nur zu erreichen, wenn knappe medizinische Güter so
eingesetzt werden, dass möglichst viele Leben gerettet werden könnten: „Es geht im
Pandemiefall nicht um eine aktive Verkürzung des Lebens eines Betroffenen um der Rettung
eines anderen willen. Vielmehr bleiben diejenigen, die nicht gerettet werden können, ihrem
von der Krankheit und der Mangelsituation bestimmten Schicksal überlassen.“ Dabei sei die
Zulässigkeit fraglich, „die lebenserhaltende Behandlung eines Patienten zu beenden, um mit
den dadurch frei werdenden medizinischen Ressourcen das Leben eines anderen zu retten.“
Eine konsequente Verlaufs-Triage, wie sie die Schweizer Richtlinien enthalten, sei nur
zulässig, wenn nach detaillierten klinischen Kriterien regelmäßig überprüft würde, bei
welchen Patienten ein Erfolg der Beatmung inzwischen unwahrscheinlich erscheint. Nach
Taupitz weisen, wenn auch nicht so deutlich, auch andere Fachgesellschaften in die gleiche
Richtung. Lediglich der Deutsche Ethikrat vertrete eine andere Auffassung. Objektiv rechtens
sei das aktive Beenden einer laufenden, indizierten, intensivmedizinischen Behandlung zum
Zwecke der Rettung eines Dritten jedoch nicht. Auch in Katastrophenzeiten habe der Staat die
Fundamente der Rechtsordnung zu sichern. Überraschend sei jedoch, so Taupitz, mit welcher
Rigidität der Ethikrat eine „ethisch begründbare“ Entscheidung für objektiv rechtswidrig
erkläre und gegen die Fundamente der Rechtsordnung gerichtet sehe. Es gelte aber
entsprechend des Verdikts der Rechtswidrigkeit entsprechenden Handelns, „dass derjenige,
dem die erforderlichen medizinischen Ressourcen nicht mehr weiter zur Verfügung gestellt
werden, an seiner Krankheit stirbt, aber nicht durch einen von außen kommenden Eingriff in
sein Leben.“ (kursiv, A.Z.) Nach Auffassung des Ethikrates werden „Patienten, denen die
Behandlung vorenthalten wird, von den medizinischen Entscheidern nicht etwa durch
Unterlassen ´getötet´, sondern aus Gründen einer tragischen Unmöglichkeit vor dem
krankheitsbedingten Sterben nicht gerettet.“ (kursiv, A.Z.) Dennoch sei, nach Taupitz, unter
Berufung auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von 2010 ein Behandlungsabbruch in der
Triage als Unterlassen zu werten. Entgegen der Auffassung des Ethikrates sollte der Arzt, der
in einer Triage-Situation eine „Gewissensentscheidung“ trifft, die „ethisch begründbar ist
und transparenten, etwa von den medizinischen Fachgesellschaften aufgestellten Kriterien
folgt“, nicht nur als „Entschuldigungsgrund“ gelten, sondern „als rechtmäßig bewertet
werden.“ Würde man dies anders sehen, würden Politik und „die Rechtsordnung das
medizinische Personal im Pandemiefall tagtäglich sehenden Auges rechtswidrig handeln“
lassen, obwohl das Personal nach den Empfehlungen der Fachgesellschaften sich „ethisch
begründbar“ und nicht zuletzt auch „verfassungskonform“ verhalten habe.ler Entscheidungen sind
Streit um Lebensschutz und Grundrechte
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat am 26. April 2020 erklärt: „Nicht alles muss vor
dem Schutz von Leben zurücktreten.“ Die Würde des Menschen, nicht der Lebensschutz, sei
vorrangig. Der Lebensschutz sei „in seiner Absolutheit nicht richtig.“ Die Politik sei durch
das Grundgesetz nicht in der Pflicht, alles darauf auszulegen, Menschenleben zu schützen.
„Zwei Jahre lang einfach alles stillzulegen, auch das hätte fürchterliche Folgen.“
Bereits am 11. April 2020 hatte der Staatsrechtler Volkmann die aktuellen
Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus in der SZ kritisch beurteilt.
Diese seien nicht mit dem Schutz von Menschenleben zu begründen. Der legitime Zweck des
Lebens- und Gesundheitsschutzes sei in der Abwägung der Verhältnismäßigkeitsprüfung
zwar nachzuvollziehen. Das höchste Gut sei jedoch die Menschenwürde, die der
Verfassungsgeber bewusst an den Anfang des Grundgesetzes gestellt habe und die allen
anderen Grundrechten vorangehe. Die Ausgangsbeschränkungen und die damit verbundenen
Einschränkungen der Grundrechte hätten auch Auswirkungen auf unser künftiges
Zusammenleben: auf Bewegungsfreiheit, freie Ausübung von Berufen, politische
Versammlungen. All das sei aktuell nicht möglich. Sollte dieser Zustand länger anhalten,
könnte das Prinzip unserer freiheitlichen Gesellschaft insgesamt infrage gestellt sein. Der mit
der Pandemie bereitete Notstand habe das Potenzial, das „Herzstück“ der Bundesrepublik,
Artikel I des Grundgesetztes, unter Druck zu setzen. Von rechtsoziologischer Seite wird
problematisiert, dass die Würde des Menschen plötzlich antastbar wird, wenn selbst der
Deutsche Ethikrat sich auf das absolute Verbot des Artikel I, Menschenleben nach Wert und
Unwert zu gewichten, nicht einigen konnte.nten intensivmedizinisch behandelt und welche palliativmedizinisch versorgt werden. Damit dies auf einer fundierten Grundlage geschieht, haben Experten aus acht Fachgesellschaften klinisch-ethische Empfehlungen erarbeitet, die jetzt in einer aktualisierten Fassung erscheinen. „Wir haben unter anderem deutlicher klargestellt, dass Grunderkrankungen und Behinderungen kein legitimes Kriterium für Triage-Entscheidungen sind. Zudem wurde die Prüfung des Patientenwillens vor der Aufnahme auf die Intensivstation stärker hervorgehoben“, sagt Professor Uwe Janssens (rechtes Foto),
Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. „Wir Ärzte brauchen eine fachliche wie rechtliche Sicherheit bei der Patientenbehandlung in Extremsituationen. Dabei helfen die aktualisierten Empfehlungen.“
i 2020
Im Feuilleton von DIE ZEIT vom 9. Mai 2020 ist dann schließlich ein Gedankenaustausch
zwischen dem Philosophen Habermas und dem Rechtstheoretiker Günther zu der Frage
erschienen, ob und wie sich angesichts der Corona-Pandemie die Grundrechte Lebensschutz
oder Freiheit gegeneinander abwägen lassen. Denn seit Tagen halte diese Debatte gegen eine
„Verabsolutierung des Lebensschutzes“ (Schäuble, Laschet, Lindner) die Öffentlichkeit in
Atem. Auch der Deutsche Ethikrat habe festgestellt, dass „der gebotene Schutz menschlichen
Lebens“ nicht „absolut“ gelte; ein „allgemeines Lebensrisiko“ sei „von jedem zu
akzeptieren“. Habermas ist darüber beunruhigt, „wie nun auch Juristen den Lebensschutz
relativieren“; und Günther konstatiert: „Kein Grundrecht gilt grenzenlos. Sie können
miteinander kollidieren.“ Bei diskutierten über die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen
unantastbarer Menschenwürde und dem Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit
bestimmen lasse.

Zunächst verweist Habermas darauf, dass die von einigen appellierte Unterordnung des
Lebensschutzes unter die Menschwürde eine „einleuchtende moralische Intuition“ sei. Jedoch
gehöre zu einem menschlichen Leben mehr als nur das „bloße Leben“, wie es Aristoteles als
das „gute“ Leben genannt habe, sondern heute sei dies „ein selbstbestimmtes und selbst zu
verantwortendes, eben das ´würdige´ Leben. Dennoch könne es „entwürdigende Situationen
geben, wie etwas Umstände einer unheilbaren Krankheit, des überwältigenden Elends oder
der erniedrigenden Unfreiheit, … unter denen eine Person wünscht, lieber tot zu sein, als eine
solches Leben führen zu müssen.“ Eine solche Entscheidung könne aber nur „in erster Person,
also vom Beteiligten selbst getroffen werden.“ Keine an die Grundrechte gebundene
Staatgewalt könne Bürgern eine solche Entscheidung abnehmen. Sei der Staat berechtigt, das
Überleben einiger Bürger oder Einzelner gegen das Wohlergehen oder das weniger gute
Leben großer gesellschaftlicher Gruppen abzuwägen? Welche Politik würde eine Regierung
verfolgen, wenn angesichts des Risikos der Überbelastung von Intensivstationen eine
vermeidbare Erhöhung von Todesraten in Kauf genommen würde? Würde den betroffenen
Personen dann nicht doch mehr als ein „allmeines Lebensrisiko“ zugemutet werden, um die
schwer erträglichen Freiheitseinschränkungen und vielleicht sogar langfristigen und
unumkehrbaren Schäden von Kindern, Industrie und Handel abzuwenden?
Demgegenüber wird von Günther der Umstand hervorgehoben, dass es mehr als ein
Grundrecht gebe und kein Grundrecht grenzenlos gelte: „Sie können miteinander
kollidieren.“ Die eigentliche Abwägung von Grundrechten sei stets die Überprüfung der
Verhältnismäßigkeit des Eingriffs: „Neben der verfassungsrechtlichen Legitimität des damit
verfolgten Zwecks – hier Lebens- und Gesundheitsschutz – müsse seine Gebotenheit … und
seine Erforderlichkeit angesichts von Alternativen überprüft werden, die weniger intensiv in
das Grundrecht … eingreifen, ohne das Ziel des Infektionsschutzes zu gefährden.“ Ein solche
Verhältnismäßigkeitsprüfung sei in der aktuellen Krise aus zwei Gründen schwierig: zum
einen ginge es bei dem Lebensschutz um das sogenannte Flachhalten der Kurve und die
Senkung der Ansteckungsrate unter die Zahl 1. Das sei sicherlich ein legitimes Ziel. Ob die
aktuellen Freiheitseinschränkungen geeignet oder erforderlich seien, um diese Ziel zu
erreichen könne angesichts einer Vielzahl von Prognosefaktoren nicht auf Erfahrungs- und
Vergleichswissen gestützt werden. Infolge von Krankheiten sterben zu müssen, gehörte in
früheren Zeiten zum allgemeinen Lebensrisiko. „Erst seitdem wir über eine hochkomplexes
und aufwendiges medizinischen Versorgungssystem verfügen, stellt sich überhaupt die Frage,
was und wie viel Staat und Gesellschaft tun können und müssen, um vorhersehbar
lebensgefährliche Krankheitsverläufe zu verhindern oder abzumildern.“ Zu der Verpflichtung
des Staates, Leben und Gesundheit vor rechtwidrigen Angriffen anderer zu schützen, gehöre
zum anderen heute auch die Bereitstellung adäquater medizinischer Versorgungsmittel, was
jedoch unter dem Vorbehalt des Möglichen stehe. Da jedoch kein Staat alle Ressourcen in das
Gesundheitssystem stecken könne, verschiebe sich somit die Grenze zwischen
unvermeidbaren und vermeidbaren tödlichen Folgen der allgemeinen Lebensrisiken. Für
Günther scheint hier der Kern des Abwägungsstreites zu liegen, weil Uneinigkeit darüber
bestehe, „wo Grenze angesichts des hohen und in seinen Folgen nicht absehbaren
Aufwands an Freiheitsverzichten gezogen werden soll.“ Diejenigen, die für eine Lockerung
der Freiheitsgrundrechte plädieren und sich dabei auf die Relativierbarkeit des Grundrechts
auf Leben berufen, „müssten eben auch dem ersten Patienten, der infolge der Lockerungen
nicht mehr beatmet werden kann, erläutern, dass er um der Freiheit anderer willen zu sterben
habe.“ Das Bundesverfassungsgericht habe jedoch dem Recht auf Leben einen „Höchstwert“
beigemessen mit dem Gebot des Staates, “sich schützend und fördernd“ vor das Leben zu
stellen. Damit sei zugleich ein Zusammenhang mit Artikel 1 hergestellt: Das Recht auf
Leben sei die „vitale Basis der Menschenwürde und die Voraussetzung der anderen
Grundrechte als auch des Rechts auf Freiheit.“ (Hervorhebung durch A.Z.) Damit erklärt
sich Habermas einverstanden: „Menschenrechte können erst auf dem Weg demokratischer
Willensbildung als Grundrechte positive Geltung erhalten. Wenn aber demokratische Bürger
nur den allgemeinen Gesetzen gehorchen, die sie sich selber, und zwar alle gemeinsam,
gegeben haben, können sie auch keiner Politik zustimmen, die entgegen ihrer
Gleichberechtigung das Leben einiger um der Interessen aller anderen willen aufs Spiel
setzt.“

„Katastrophenethik“

Von den Münchner Philosophen Mukerji und Mannino wurde vor kurzem ein erstes
philosophisches Buch als „Echtzeitbeitrag“ zur Corona-Krise mit dem Titel „Covid-19: Was
in der Krise zählt. Über Philosophie in Rechtzeit“ (Reclam, Ditzingen 2020) veröffentlicht.
Man müsse die „Argumentationsmaschinerie“ in der Krisenzeit sofort anwerfen: “Wir können
uns wertvolle Chancen verspielen, wenn wir warten, bis die empirischen Daten endlich
eindeutig sind.“ In dem Kommentar „Auf Vorrat denken“ in Die ZEIT vom 13. Mai 2020
(Feuilleton, S. 9) wird diese Argumentationsfigur der Philosophen kritisch hinterfragt. Sie
müsse warten, bis die wissenschaftlichen Fakten klarer sind, man mehr über die Dauer der
Immunität wisse, die Ansteckungsgefahr von Kindern geklärt sei und die genauen
Sterblichkeitsraten vorlägen. Im Unterschied zu den beiden Autoren sieht der Kritiker die
Verzögerungen und Versäumnisse der Eindämmungsmaßnahmen in Italien nicht als „eine
Krise des Denkens“, sondern eher als eine menschliche Schwäche, bedingt durch die Trägheit
von Institutionen gegenüber der Komplexität der erforderlichen Verhaltenssteuerungen und
demokratischer Meinungsbildung. Dafür liefere das Buch keinerlei Analyse, ganz zu
schweigen von den widerstreitenden gesellschaftlichen Interessenlagen, den unterschiedlichen
wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Stunde der Executive.“ Seiner Meinung nach
unterliegen die „Verfolger von Denkfehlern“ selber welchen, und zwar von ethischer
Tragweite. Denn der Ausweg aus den Kontaktbeschränkungen, welche die beiden Autoren in
Anlehnung an eine konsequentialistische Ethik, die Zweck und Mittel abwägt, vorschlagen,
heißt „Cocooning Plus“, was besonderen Schutz durch fortdauernde Isolierung von
Risikogruppen bedeutet. Der Rest der Gesellschaft könne sich dann weitgehend frei bewegen.
Diesem Vorschlag fehle jede innere Differenzierung innerhalb der Risikogruppe, jede
Sensibilität für das Bedürfnis vieler Menschen, mit eben dieser „Riskogruppe“ älterer
Menschen in Kontakt bleiben zu wollen. Im Ergebnis sei diese Corona-Bekämpfungs-
Philosophie nicht nur „weltfremd“, sondern auch „nicht philosophisch genug“, wenn sie zu
wenig über den Sinn von Lebensvollzügen nachdenkt. Immerhin mache dies deutlich, dass
die Philosophie anfange, über die „neue Normalität“ nachzudenken.

„Exit“-Strategie

Bei den derzeitigen Auseinandersetzungen um Forderungen nach „Exit-Strategien“ (so der
Sprachgebrauch vieler Politiker und Medien) für die Lockerung von Lockdown-Maßnahmen
in der Wirtschafts-, Gastronomie- und Tourismusbranche, wurde zeitgleich im Hintergrund
über die katastrophenmedizinischen „Triage“-Angebote polarisiert gestritten. Dieser Streit hat
mit der wohl weitgehend unbewussten Verwendung des doppeldeutigen Begriffes „Exit“,
„Ausgang“ wie auch „Auslöschung“, beinahe schon zynische Auswüchse angenommen.
Immerhin gibt es eine Schweizer Sterbehilfe- und Freitodorganisation EXIT. Und in den
Niederlanden wurde die legale aktive Sterbehilfe („Euthanasie“, assistierte Tötung) gerade
dahingehend erweitert, dass die Tötung „lebensmüder“ Menschen und nicht nur
„hoffnungslos Kranker“ legalisiert wurde, was allerdings im eigenen Land nicht
unwidersprochen geblieben ist. Und, um im Bild eines Karikaturisten der Nordwestzeitung
vom 15. April 2020 zu bleiben, würden sich über die zu erwartenden „Exit“-
Strategiemaßnahmen nicht nur die Bevölkerung, die Geschäfts- und Wirtschaftsleute freuen,
sondern auch das tödliche Corona-Virus!

Claudia Gottschling hat über Medscape am 14. April 2013 die Ergebnisse einer nicht
repräsentativen Befragung unter Ärzten und Ärztinnen „Wie weit würden Sie gehen?“ zu den
ethischen Herausforderungen in der Coronakrise veröffentlicht. Demnach sind 52 Prozent
motiviert und froh, Arzt zu sein; 55 Prozent halten den Schutz der Gesundheit für das
Wichtigste vor wirtschaftlichen Folgen und würden auf Grundrecht und Gewohnheiten noch
mehrere Wochen verzichten: 93 Prozent auf Großveranstaltungen, 67 Prozent auf
Versammlungsfreiheit, 60 Prozent auf Bewegungsfreiheit (Reisen) und 42 Prozent auf
Datenschutz. Nur 17 Prozent sind dafür, Risikogruppen wie z.B. Senioren in Altersheimen
mit langfristigen Ausgangssperren zu belegen; 54 Prozent verneinen das Gefühl, dass die mit
Covid-19 arbeitenden Personengruppen genug Unterstützung wie Training und
psychologische Supervision erhalten; 44 Prozent geben an, nicht einer Risikogruppe
anzugehören und keine Angst vor einer Ansteckung zu haben; in Kauf zu nehmen, im
Krankenaus ohne den Beistand von Angehörigen oder eines Geistlichen zu sterben, lehnen 24
Prozent ab. 66 Prozent sind dafür, als Arzt oder Ärztin zu versuchen, einen Weg zu finden,
damit sich die Angehörigen verabschieden können. Die ethisch-moralische Integrität der
schwer belasteten Ärzte und Ärztinnen scheint dieser nicht repräsentativen Umfrage nach
trotz der derzeitigen Herausforderungen und Verwerfungen noch einigermaßen intakt zu sein.

Kritik am Krisenmanagement der Regierung

Die Corona-Krise stellt unser Leben auf den Kopf und sorgt nicht selten für massive
existenzielle Probleme. Das Vorgehen der Regierung und die Politik ihrer
Eindämmungsmaßnahmen im Umgang mit der Bevölkerung, gestützt auf virologische
Berater, Infektionsepidemiologen und Behörden wie das Robert-Koch-Institut (RKI), können
sachlich in verschiedenen Eskalationsphasen unterschieden werden: Zuerst ist es (1.) um die
Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitswesens durch den „Hammer“ des
Infektionsgeschehens gegangen. Es musste eine Abflachung der sonst drohenden
Wellenspitze mit einem Massenanfall von Infizierten erreicht werden. Körperliches
Abstandhalten, Lockdown des öffentlichen Lebens, Durchbrechung der Infektionsketten,
Quarantäne der Infizierten, Testung, Husten- und Nießetikette, schließlich auch das Tragen
eines Mundschutzes für die Bevölkerung und einer Schutzkleidung für das medizinische,
pflegerische und anderes infektionsgefährdetes Personal in Krankenhäusern,
Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen und Laboren waren die Folge. Die Anzahl der 28.000
Intensiv- und Beatmungsplätze wurde zu verdoppeln versucht. Bundesweit waren über Nacht
375 Gesundheitsämter vor große logistische und personelle Herausforderungen bei
vorbestehendem großen Personalmangels gestellt. Dieses Ziel wurde inzwischen so gründlich
erreicht, dass die ersten Kliniken wegen zu 50 Prozent leerstehender Betten und horrenden
Erlösverlusten Kurzarbeitergeld beantragen mussten. In Akutkrankenhäusern wurden nicht
dringliche Operationen verschoben. Rehakliniken wurden zur Akutversorgung umfunktioniert
und Rehabilitationsmaßnahmen abgesagt. Laut Verordnung der Bundesregierung vom 6. Mai
2020 müssen weiterhin 20 Prozent der Bettenkapazität auf Normalstationen und 25 Prozent
auf Intensivstationen für Corona-Patienten frei gehalten werden. Die Belegung ist so zu
steuern, dass im Falle einer zweiten Welle innerhalb von 72 Stunden zusätzliche 20 Prozent
freigemacht werden können. Danach wurde (2.) als Kriterium die Vordoppelung der
Infektionszahl eingeführt. Nachdem die gewünschte Zahl von 10 erreicht war, wurde (3.) eine
Ansteckungszahl R von unter 1 zum Kriterium der infektionspolitischen Steuerung gemacht.
Auch dieses Ziel ist seit etwa Wochen durchgehend erreicht. Gegenwärtig wird (4)
gleichzeitig auf eine Balance von Ansteckungszahl und Entwicklung der Zahlen an
Neuinfizierten geachtet. Dabei wurde hervorgehoben, dass man sich erst am Anfang einer
langdauernden Pandemie befindet und mit jeglichen Lockerungsmaßnahmen äußert umsichtig
umgeht, um Zweit- und Drittwellen zu vermeiden. Für die regionale Steuerung wurde
schließlich (5.) der Parameter eingeführt, dass innerhalb von 7 Tagen nicht mehr als 50
Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner auftreten dürfen.

Es ist deutlich geworden, dass die Durchseuchung von 60-70% Bevölkerung mit Erreichen
einer sogenannten Herdenimmunität, an der sich das Virus totläuft, eine lange Zeit in
Anspruch nehmen wird: Monate bis Jahre! Es sei denn, die Bevölkerung kann mit einem
Impfstoff bereits vorher immunisiert werden.
++ Corona-Ticker (RKI) ++ 10. Mai 2020 ++ Infizierte: 169.218 ++ Todesfälle: 7.395 ++


IV Aussichten für die Zeit danach

Lehren aus der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Menschen auf der ganzen Welt verändert. Die
gesundheitlichen, wirtschaftlichen und psychosozialen Auswirkungen und Schäden sind
derzeit noch unübersehbar.
Derzeit ist nicht absehbar, inwieweit der Zusammenhalt Europas durch die wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie überleben wird. Denn das
Verhältnis der Länder ist untereinander durch das BGH-Urteil vom Mai 2020 zur
Finanzpolitik der EZB, welches dem EUGH-Urteil widersprochen hat und den
osteuropäischen Ländern Auftrieb geben könnte, erschüttert oder aufgespalten worden.
Ein Ausblick in die Zukunft, eine Prognose, ist in Zeiten von Corona sehr unsicher und
eigentlich nicht möglich. Matthias Horx spricht deshalb von einer „Regnose“ statt von einer
„Prognose“ und versucht, aus der Rückblende positive und optimistisch stimmende
Perspektiven aus der Corona-Krise zu ziehen.
Dirk Steffens hat in einem NWZ-Extra betont: “Dass die Menschheit in der Lage ist, auf
globale Krisen entschlossen zu reagieren, zeige ihre Reaktion auf die Corona-Krise ...
Optimismus ist jetzt angesagt.“ (2. Mai 2020, S. 26)
Anstatt sich in unseliger kriegs- und katastrophenmedizin-ethischer Rhetorik zu verlieren
wird von Palliativmedizinern praktisch vorgeschlagen, schwerkranke und vulnerable Covid-
19-Patienten zu Hause in den eigenen vier Wänden oder auch im Pflegeheim mit einem
ambulanten Palliativ-Team zu versorgen. Damit sei für Schwerkranke ein „Sterben in Würde“
möglich. Das käme besonders denjenigen Menschen zugute, die eine intensivmedizinische
Behandlung in der Klinik ablehnten, ob nun aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken oder
im Rahmen ihrer Patientenverfügung oder selbstbestimmten Vorsorgeplanung, für ihre letzten
Tage nicht mehr ins Krankenhaus verlegt werden zu wollen. In der Stadt München haben sich
laut einer Meldung der SZ vom 13. Mai 2020 sechs Teams der Spezialisierten Ambulanten
Palliativversorgung (SAPV) zusammengetan, um auch am Wochenende eine
„schnellstmögliche palliativmedizinische Versorgung, die das Leiden von Sterbenskranken
lindert und ihr Umfeld auf Krisen vorbereitet und dabei begleitet“, vorzuhalten. Oft seien dies
Tumorerkrankungen, aber auch fortgeschrittene neurologische Erkrankungen wie Parkinson
und Ahe Lateralskmyotrophisclerose, sowie Patienten mit Herz- und Nierenschwäche. Auch
eine massive Atemnot, wie sie bei Covid-19 im Rahmen der Lungenentzündung auftritt, kann
gut mit palliativen Maßnahmen behandelt und gelindert werden. Denn eine Lungenzündung
mit Atemnot tritt auch sonst in der letzten Lebensphase auf. Eine Lagerung im Sitzen und der
Einsatz von Morphin in kleiner Dosierung könnten gut helfen. Die Teams tragen dabei immer
Mund-Nasen-Schutz und Handschuhe und sind psychologisch geschult. Im Durchschnitt
dauert eine solche ärztliche verordnete SAPV zwischen 14 und 21 Tagen.

Was aufgedeckt wurde und offenbar geworden ist

Die Corona-Pandemie befindet sich noch ganz am Anfang. Sie wird die Welt wahrscheinlich
jahrelang beschäftigen. In den meisten europäischen Ländern ist die erste Welle nahezu
überwunden, in den USA, Großbritannien, Südamerika und auf dem afrikanischen Kontinent
sowie in vielen östliche Staaten wie die Ukraine und in Russland ist sie Mitte Mai erst noch
auf dem Vormarsch.

Das Virus ist deshalb so gefährlich, weil es von Menschen ohne Symptome übertragen
werden kann. Auch mehren sich Berichte aus New York, dass Kinder symptomlose
Überträger sein und auch schwer betroffen werden können, allerdings mit einer anderen
Symptomatik, die sich mit übersteigerter Immunreaktion ähnlich dem Kawasaki-Syndrom
äußert. Bei Erwachsenen scheinen außer der Lunge am zweithäufigsten die Nieren und auch
das Herz angegriffen zu werden.

Nach derzeitigem Kenntnisstand sind vor dem Virus alle Menschen, gleich welcher Herkunft
und Ethnizität, gleich vulnerabel.

Es erscheint eine systematische Testung der Bevölkerung unerlässlich, um repräsentative
Daten über die tatsächliche Verbreitung und Gefährlichkeit des Virus zu bekommen und um
demensprechend effektive Schutzmaßnahmen, möglichst regionalisiert und präventiv,
ergreifen zu können.

Die Corona-Pandemie hat im Krisenmanagement der bundesdeutschen Regierung neben
vielen positiven Aspekten einige schwerwiegende Mängel, Missstände und
Vernachlässigungen im Gesundheits-, Sozial- und Behindertenwesen aufgedeckt, wobei die
Vernachlässigungen besonders verletzliche und gefährdete Menschen wie alte Menschen in
häuslicher und Pflegeheimisolation wie auch chronisch-kranke und behinderte Menschen und
die sie pflegenden und/oder betreuenden Angehörigen in Mitleidenschaft ziehen. Das betrifft
etwa 13 Millionen z.T. noch junge Menschen mit z.T. schweren (Mehrfach-) Behinderungen,
mit Rollstuhl-, Assistenz- und Beatmungsbedarf, darunter auch etwa 1 Mio. Menschen mit
neurologischen Beeinträchtigungen. Sie werden bis heute von der Corona-Politik größtenteils
übersehen. Während für Alten- und Pflegeheime immerhin Schutzkonzepte erstellt und
Besuchsverbote, wenn auch verspätet, erteilt wurden, sind Behinderteneinrichtungen und
Werkstätten größtenteils sich selbst überlassen worden. Das für dieses Klientel inzwischen
auf 40 Mio. EUR erhöhte Soforthilfeprogramm der „Aktion Mensch“ war innerhalb von
Tagen ausgeschöpft.

Ob und wann es zu einer zweiten oder sogar dritten Infektions-Welle kommt, wird ganz
wesentlich vom (1.) Durchhalten der Verhaltensregeln in der Bevölkerung, (2.) vom
Krisenmanagement des Einhaltens einer ständig angepassten und dynamischen Balance
zwischen Gesundheits- und Lebensschutz (als Basis der verfassungsmäßig garantierten
Würde) einerseits und den notwendigen, ständig auf ihre Verhältnismäßigkeit zu
überprüfenden Einschränkungen des allgemeinen Lebens und der Grundrechte anderseits und
(3.) von inneren und äußeren politischen Bedingungen wie Wirtschafts- und Finanzkollaps,
Aufruhr, politische Umstürze, terroristische Anschläge, Entwicklung von kriegerischen
Auseinandersetzungen bis hin zum Auftreten von Hungersnöten und zusätzlichen
Naturkatastrophen durch Klimawandel abhängen. Nach der Corona-Pandemie wird die Welt
sich verwandelt haben und Vieles anders sein. Zum Zeitpunkt der Korrekturarbeiten an dieser
Veröffentlichung war im Magazin „Wissen und Macht“ der SZ Nr. 23 vom 5. Juni 2020 zu
lesen.“ Covid-19 ist vor allem eine Krankheit unserer Lebensweise. Die Corona-Krise ist ein
globales Problem – und so sollte es auch angegangen werden. Was hat die Menschheit bisher
aus der Pandemie gelernt? Ein Gipfeltreffen mit zehn internationalen Virologinnen und
Virologen.“ (S. 11-25) Aus den Interviews geht hervor, dass Viren Teil unserer menschlichen
genetischen und evolutionsbiologischen Geschichte sind. „Sie bewohnen ein eigenes Reich
außerhalb der Pflanzen und Tiere, irgendwo zwischen Leben und toter Materie. Manchmal
gehen sie durch uns durch. Wir sind ihre Matrix. Diese Pandemie hat uns in eine andere
Dimension versetzt, in der wir sie plötzlich wahrnehmen. Ist sie vorbei, verschwinden sie
wieder aus unserem Blickfeld.“ (ebenda: Kekulé, S. 25) Und weiter: „Der Ursprung der Viren
liegt in der Ursuppe, in der sich Ribonukleinsäure bildete. Die Verkapselung von RNS,
DANN und Proteinen führte zu den ersten einzelligen Organismen. Man kann also mit
einigem Recht sagen, die Ribonukleinsäure war zuerst das. Nur durch retrovirale Elemente in
uns konnten wir evolutionsgeschichtlich zu dem werden, was wir sind: Säugetiere.“ (Ebenda:
Lipkin, S. 25)

Was ungeklärt bleibt

Es bleibt vorerst ungeklärt, woher das Sars-CoV-2-Virus gekommen ist und welchen Quellen
es entsprungen ist. Einem Bericht „Spur aus der Gefriertruhe“ in der SZ vom 8. Mai 2020
zufolge könnten Veränderungen im Erbgut des Erregers helfen, seinen Ursprung
nachzuvollziehen. Bisher hat es keine Antwort auf die Frage gegeben, wann das Virus auf den
Menschen übertragen wurde. Möglicherweise ist das Virus, nicht nur in China, schon seit
August 2019 bereits unterwegs gewesen. Eine politische Instrumentalisierung der Frage und
Beschuldigung Chinas durch die Trump-Administration, sei unhaltbar. Nach Auskunft des
einflussreichen renommierten amerikanischen Virologen Ian Lipkin hätten Untersuchungen
der Virussequenz keine Belege dafür ergeben, dass das Virus von einem Unfall im Labor von
Wuhan stammt (SZ-Magazin Nr. 23 vom 5. Juni 2020, S. 24),

Ungeklärt ist derzeit, wie lange die Immunisierung von den Personen anhält, die eine Covid-
19-Infektion hinter sich gebracht haben.

Das Corona-Virus offenbart uns Menschen, wie eine Welt ohne Impfstoffe aussehen würde.
Impfpflicht verstößt nicht gegen das Selbstbestimmungsrecht, sondern ist ein Akt der
Solidarität von Personen in der Gemeinschaft.

Es muss offenbleiben, welchen Platz die Corona-Pandemie im kollektiven Gedächtnis der
Menschheit einnehmen wird. Es gibt kaum noch Zeitzeugen der letzten infektiösen Pandemie,
der Spanischen Grippe, vor 100 Jahren. Gerade die jüngere Generation hat bisher keine
Erfahrungen mit einer weltweiten Naturkatastrophe eines solchen Ausmaßes auf das gesamte
Leben in allen Ländern, sammeln können. Die Corona-Pandemie muss uns daher eine Lehre
sein.

Was sich umgehend ändern muss

Stellvertretend für alle als „systemrelevant“ erkannte Bevölkerungsgruppen ist - hier bewusst
hervorgehoben - eine Aufwertung der Pflege zwingend notwendig. Das kann sich nicht auf
einen Mindestlohn und auf einen einmaligen steuerfreien „Pflegebonus“, nur für
Altenpflegekräfte in Höhe von 1.000 bis 1.500 EUR, über dessen Finanzierung derzeit auch
noch gestritten wird, erschöpfen, sondern die Wertschätzung muss sich in Richtung einer
gesamtgesellschaftlichen Aufwertung der Pflege (und anderer „systemrelevanter“
Niedriglohngruppen) ändern. Dies ist nach den Forderungen von Sozial- und Pflegeverbänden
samt einiger Politiker nicht mit einer Erhöhung der tariflichen Entgelte erledigt, sondern mit
einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie einer generellen Erhöhung der
Ausbildungsplätze und Bereitstellung von mehr Pflegekräften in allen Bereichen. Wenn
Bundespräsident Steinmeier am Tag der Pflege am 12. Mai 2020 erklärt hat “Sie leisten
Enormes für unser Land“, und Ärzte und Pfleger arbeiteten in der Corona-Krise oft unter
schweren Bedingungen und ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit, müssten, diesem
Armutszeugnis zufolge, auf die Worte wirklich deutliche Taten folgen. Die zunehmende
Solidarisierung mit den Pflegkräften, darf nicht verblassen, so der Präsident des
Sozialverbandes. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) forderte die
Einhaltung dieser Versprechen für die Zeit auch nach der Pandemie. Der Pflegebeauftragte
der Bundesregierung ruft Arbeitgeber, Kranken- und Pflegekassen auf, die
Arbeitsbedingungen zu verbessern. Gebraucht werde eine „gerechte, faire, flächendeckende,
gut tarifliche Bezahlung.“ (SZ, vom 13. Mail 2020 - Panorama).

Ethikbeiräte auf Länderebene

Während Gesundheitsminister Spahn Anfang Mai 2020 den Deutschen Ethikrat damit
beauftragt hat, eine ethische Stellungnahme zum geplanten Immunitätsausweis zu erstellen,
was man durchaus als Instrumentalisierung dieses Gremiums zu politischen Zwecken
verstehen könnte, hat sich in Niedersachsen analog zum nationalen Ethikrat ein Bündnis aus
Ärzten, Politikern und Kirchen gebildet und einen Corona-Ethikbeirat für Niedersachsen
gefordert. Von der Präsidentin der Niedersächsischen Ärztekammer wurde Kritik am
aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus geübt. Sie schaue mit Schrecken in
Altenpflegeheime, in denen Menschen in Einzelzimmern isoliert säßen und nicht mehr
hinausgehen dürften: “Selbst wenn sie nicht am Corona-Virus erkrankt sind, dürfen sie nicht
in den Garten, nicht in der Sonne spazieren gehen“. Es gäbe keinen Grund dafür, dass die
Nichterkrankten ihr Leben nicht normal weiterleben dürften. Es müsste konsequent und
niederschwellig in Alten- und Pflegeeinrichtungen getestet werden. Dazu seien die
Testkapazitäten drastisch auszuweiten.

Politiker forderten auf einer Pressekonferenz die Einbeziehung von Wohlfahrtsverbänden und
Pflegekammern in den neuen Ethikbeirat. Dabei gehe es auch um wissenschaftliche
Expertisen. Vom Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche wurde von einer
„Corona-Zäsur gesprochen. Die Äußerungen des Tübinger Bürgermeisters, man rette derzeit
Menschen, „die ein einem Jahr eh tot wären“, werden vom Bischof als eine grundlegende
Verschiebung von ethischen Standards gewertet: “Wir erleben in den vergangenen Tagen eine
Debatte um den absoluten Schutz des Lebens, die so geführt wird, wie wir es uns zuvor nicht
hätten vorstellen können.“ Damit bezog er sich auch auf Äußerungen des
Bundestagspräsidenten, der den Lebensschutz als absolutes Kriterium öffentlich in Frage
gestellt hatte. Er kritisiert die Einteilung in Risikogruppen „wie in Schubladen“. Es gehe nicht
nur im den Schutz des Lebens, sondern auch um den Schutz der Würde: “Der biologische Tod
ist etwas Schlimmes, aber der soziale Tod ist mindestens ebenso schlimm.“ (RUNDBLICK
vom 29. Dezember2020)

Aufhebung von Ungleichbehandlung und Menschenrechtsverletzungen

Die Forderungen und das Vorgehen der Katastrophenmediziner mit ihren Kriterien zur
Triage, gestützt auf eine Gebrechlichkeitsskala, haben zu schweren medizinischen, ethischen
und menschenrechtlichen Konflikten geführt, die juristisch aufgearbeitet werden müssen. Sie
haben aufgezeigt, dass eine reduktionistische und utilitaristische Sichtweise eine Gefahr für
vulnerable Menschen, insbesondere Alte, chronisch Kranke und Schwerbehinderte, bedeutet.
Dass diese Gefahr auch nicht vom Deutschen Ethikrat in seinen Empfehlungen nicht
widerspruchslos ausgeräumt wurde, verweist auf die Komplexität und
Orientierungsschwierigkeiten moderner Lebensweisen und Gesellschaften. In der Notstandsund
Katastrophenpolitik und Medizin scheinen elementare Grund- und Menschenrechte, das
Diskriminierungsverbot und die Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention immer
noch nicht angekommen zu sein, obwohl zu ihrer Einhaltung und Durchsetzung alle
gesellschaftlichen Bereiche, insbesondere die Politik, aufgerufen und gesetzlich verpflichtet
sind. Das bedeutet gemäß Partizipationsgebot der UN-BRK eine frühzeitige Einbeziehung der
Behinderten, Patienten und Angehörigen sowie ihrer Interessenvertretungen (Betreuer*innen)
und Verbände in die Entwicklung solcher Entscheidungskonzepte und
Gesetzgebungsverfahren. Eine Corona-Pandemie ist kein Freifahrtschein für einen
Ausnahmezustand als Regelfall normaler Regierungspolitik, auch nicht einer Politik der
sogenannten „neuen Normalität

Die inhumane kriegs- und katastrophenmedizinische Ethik durch eine Ethik der sorgenden
Beziehungen (Care-Ethik) ablösen

Aufgrund der mit der Corona-Krise zu Tage getretenen menschenverachtenden und
menschenrechtsverletzenden Triage, die sich auf eine überkommene kriegs- und
katastrophenmedizinische Ethik beruft, ist die Zeit für einen entschiedenen Richtungswechsel
gekommen. Eine Krisenbewältigung unter Mangelbedingungen sollte sich nicht länger auf
das Aussortieren von Menschen anhand von Kriterien von sogenannten Riskogruppen und
einer rein defizitorientieren Gebrechlichkeitsskala stützen, sondern auf die Prinzipien und die
Praxis einer Ethik der sorgenden Beziehungen in der Gemeinschaft („Care-Ethik“). Das
Leben vom Anderen her zu denken (Lévinas) stellt die Sorge um und die Verantwortung für
den Anderen in das Zentrum meines Denkens und Handelns. Dabei ist „Zentrum“ nicht der
egozentrische und selbstbestimmte Selbstschutz, sondern die zwischenmenschliche
alterozentrische Solidarität, die nicht von Fremdbestimmung frei ist. Damit wird das in der
gegenwärtigen bioethisch-orientierten Medizinethik vorherrschende Autonomieprinzip durch
das Konzept einer relationalen Autonomie abgelöst, die den Beziehungsaspekt und die
leibliche Nähe zu Menschen in der Pflegearbeit in dem Mittelpunkt stellt. Bei Lévinas ist
mehr oder weniger der ganze Körper/Leib „Antlitz“. Das Antlitz als Verbot „Du sollst mich
nicht töten" und als Gebot „Du sollst mich in meinem Sterben nicht allein lassen", reißt das
Ich aus seiner „Selbstgewissheit“ (Lévinas 2012). Das Ethische, die Verantwortung und die
Kategorie der Beziehung, finden sich nach Krause (2009) in Lévinas´ Phänomenologie in
enger Verbundenheit. Care-Ethik zeigt nicht nur die Grenzen der individualistischen und
rationalistischen Autonomie auf, sondern stellt den Menschen als verletzlich und voneinander
abhängig dar. Damit wird Autonomie nicht nur an die Bedingungen der Sozietät des
Menschen rückgebunden, sondern auch sein Eingebundensein in alle Lebensbereichen in der
Gemeinschaft (Teilhabe) betont und die Wahrnehmung der Einzigartigkeit des Anderen als
ethische Forderung verstanden. Zugleich grenzt sich diese Ethik inhaltlich von ähnlichen
Konzepten wie dem Mitleid oder der christlichen Nächstenliebe ab. Sorge-Ethik wird als (1)
Teil der conditio humana, (2) der Perspektivübernahme des Anderen, (3) als moralische
Pflicht und (4) als Leiblichkeitserfahrung verstanden. „Die Sorge vom Anderen her zu
denken, ist nicht nur ein Perspektivenwechsel. Es zeigt vielmehr, dass Sorgebeziehungen
nicht nur auf den Anderen als Objekt des Sorgenden Einfluss haben, sondern auch den
Sorgenden in seinem Sein konstituieren.“ (Krause 2017, S. 14/15) Vor einigen Jahren hat sich
ein europäisches Netzwerk gegründet, das diese Care-Ethik als normative Theorie zum
Ausgangpunkt für Länder und Disziplinen übergreifende Sorgebeziehungen und für den
moralisch-ethischen Diskurs erklärt hat.


Corona-Erfahrungen mit Klimaschutz und Verkehrssicherheit verbinden

Die im Corona-Lockdown wiedergewonnenen vitalen Erfahrungen, dass die Luft rein, das
Wasser klar geworden, der Lärm zurückgegangen und der Smog in den Großstädten sich
verzogen habe, sollten dafür genutzt werden, beim Wiederanfahren des allgemeinen sozialen
und wirtschaftlichen Lebens auf Nachhaltigkeit zu bestehen und insbesondere wirtschaftliche
und industrielle Anreize nur anhand von Nachhaltigkeitskriterien zu vergeben, die dem
Umwelt- und Klimaschutz dienen.

Als Beispiel für Lehren aus positiven Nebeneffekten des Corona-Lockdown ist das
Tempolimit von 130 km/h zu nennen, dass noch im Dezember 2019 vom Parlament abgelehnt
worden war. Nachdem dann der ADAC vorsichtig eingelenkt hatte, hat nun auch der
Deutsche Verkehrssicherheitsrat sich mehrheitlich für das Tempolimit ausgesprochen. Ob
dabei die 73.314 Unterschriften unter die Petition zu diesem Sinneswandel mitgeholfen
haben, muss offen bleiben. Der Rückgang der vormals unfallbedingten Versicherungsfälle um
20 Prozent der Unfallzahlen um 15 Prozent und der Rückgang der unfallbedingten Todesfälle
auf Autobahnen und bundesdeutschen Straßen in den letzten Monaten, ist überzeugend.
Damit hat die Vernunft hoffentlich Zuwachs bekommen, denn ein Tempolimit wird schon seit
Jahren nicht nur wegen der Luft- und Lärmverschmutzung gefordert, sondern auch darum, die
Zahl, der verkehrsbedingten Unfallopfer, darunter bis zu 60% Schädel-Hirnverletzungen, zu
senken.


V Aufruf an die politisch Verantwortlichen

Vom Neuro-Netzwerk Weser-Ems e.V. wurde, aus der Perspektive des für diesen Verein
maßgeblichen Klientels, ein Aufruf „Lehren aus der Corona-Krise: Was sich aus unserer
Sicht unbedingt ändern muss – Forderungen an die verantwortlichen Politiker für die Zeit
nach der Corona-Krise“ gestartet. In diesem Aufruf werden vor allem die in der Bekämpfung
der Corona-Pandemie offenkundig gewordenen Mängel im Gesundheitswesen, im
Pflegebereich, und in der Beschaffung von Schutzmaterialien aufgegriffen. Es sind
strukturelle und personelle Mängel im Bereich privater Klinikbetreiber und privater
kommerzialisierter Einrichtungen, der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit der Anbieter,
der Kliniken und ambulanten Dienste, der Frührehabilitation, des Entlassmanagements, der
Nachsorge- und Teilhabeangebote und vor allem der Pflegeeinrichtungen, insbesondere der
Situation der häuslich-ambulanten Pflege, die zu 70 Prozent von pflegenden Angehörigen
(insbesondere Frauen) zu Tage getreten sind, ohne dass dies vom Krisenmanagement
berücksichtigt oder gar wertgeschätzt worden wäre.
Dieser Aufruf soll nun auch hier veröffentlich werden:


Aufruf
Lehren aus der Corona-Krise:
„Was sich aus unserer Sicht unbedingt ändern muss!“
Forderungen an die Verantwortlichen für die Zeit nach der Corona-Krise
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Eingedenk
- des vorbestehenden, mit der Corona-Krise mit voller Wucht verschärften
Mangels an Pflegekräften
- der gravierenden Unterbezahlung eines großen Teils der Pflegekräfte in
Niedersachsen
- des Mangels an ausreichender Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel
und deren ungerechte Verteilung
- der hohen und komplexen Bedarfe von Menschen mit Hirnschädigung und
neurologischer Beeinträchtigung und ihren Familien/Angehörigen an
neurokompetenter, sektorenübergreifender Behandlung, Rehabilitation,
Nachsorge und Teilhabe
- des Mangels an vorhandenen sektorenübergreifenden Versorgungs-, Nachsorge
und Teilhabestrukturen
- des Mangels an neurologischen Intensiv-, Stroke-Unit-, Frühreha- und
Rehaplätzen in den Krankenhäusern und Kliniken
- des Fehlens neurokompetenter sektorenübergreifender Versorgungs- und
Teilhabeforschung
- des Mangels an Sensibilität und neurokompetenter Information im Umgang mit
Hirngeschädigten und neurologisch Beeinträchtigten

und vor dem Hintergrund
- eines in den letzten Jahrzehnten durchökonomisierten, kommerzialisierten und
an Gewinn und Rendite ausgerichteten Gesundheitswesens, vor allem in
Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen (vgl. „Eine Krankheit namens
Ökonomisierung“, Rita Gabler in SZ-Spezial „Respekt“ vom 30.4./1.5.2020)
- der dadurch bedingten mangelnden Wertschätzung und Qualität der
Pflegebeziehung mit Belastung der Beziehungsarbeit in der Pflege
- des anhaltenden Kontakt- und Besuchsverbots für Krankenhäuser und
Pflegeeinrichtungen, welches Patient*innen, Bewohner*innen und Angehörige
schwer belastet
- des vorbestehenden in allen Versorgungsbereichen eklatanten
Pflegekräftemangels mit einem Anteil von pflegenden Angehörigen an der
häuslich-ambulanten Pflege in Höhe von 70%
- des vorbestehenden, beinahe schon „militärischen“ Machtapparates in
Privatkrankenhäusern und Pflegeeinrichtungen mit lukrativen Bonusverträgen
für Chefärzte und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Geschäftsführern
und Klinikbetreibern
- des daraus resultierenden von der Politik und den Krankenkassen ignoriertes
und von vielen Chefärzten klar gewolltes Ausbeutungsverhältnisses in der
Pflege
- des damit nach unten massiv an Pflege und Patienten wie auch die Bewohner
und Angehörige weitergegebenen Drucks
- des oftmals in Privatklinken fehlgeleiteten Ziels einer „betriebswirtschaftlichen
Optimierung“ statt einer angemessen, bestmöglichen Versorgung der Patienten
und Bewohner
- dass es eines Virus bedurft hat, bis endlich erkannt wurde, dass „Gesundheit“
weder mit Geld noch mit Gold aufgewogen werden kann, wenn es an
Intensivbetten, Pflegepersonal, Ärzten und Persönlicher Schutzausrüstung
(PSA) fehlt
- der über Nacht plötzlich möglichen Bereitstellung von vielen hundert
Milliarden Euro durch die Bundesregierung für die medizinische,
wirtschaftliche und soziale Abmilderung der Folgen des Shutdowns
- der dadurch bedingten wirtschaftlichen, existenziellen, psychosozialen und
seelischen Folgen für ganze Bevölkerungsgruppen und Einzelne
- der damit ausgelösten schwerwiegenden Einschränkungen der demokratischen
Grundrechte wie Bewegungs- und Versammlungsfreiheit
- und des damit drohenden Vertrauensverlustes in vielen Teilen der Bevölkerung
an unserer Demokratie, je länger die Einschränkungen anhalten, trotz
vielfältiger und z.T. überwältigender Solidaritätsaktionen und konkreter Hilfen
vonseiten der Bevölkerung

erheben wir hiermit folgende zentrale Forderungen:
1. Angemessene Gehaltserhöhungen für Pflegekräfte entsprechend ihrer
tatsächlichen gesellschaftlichen Relevanz und Wertschöpfung
2. Steigerung der Ausbildung von qualifiziertem Pflegepersonal in allen Bereichen
3. tatsächliche Umsetzung Wiedereinführung der ausgesetzten
Personaluntergrenzen für Krankenhäuser, die während der Pandemie ausgesetzt
wurden, auch wenn schon beschlossen
4. Sicherstellung einer ausreichenden einheimischen Produktion und Bevorratung
notwendiger Arzneimittel, Medikamente und Hygienematerialien wie
Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel, letztere auch in
Apotheken
5. Ausbau von neurologischen Krankhaus-, Stroke-Unit-, Frühreha- und
NeuroReha-Krankenhausbetten mit einem ausdrücklichen Versorgungauftrag
zu einer krisenfesten Daseinsvorsorge
6. Erhöhung der Neurokompetenz in der pflegerischen, ärztlichen und
therapeutischen Ausbildung
7. Aufbau einer poststationären, disziplinenübergreifenden und durchgängigen
ambulanten neurokompetenten Versorgungsstruktur, die den hohen und
komplexen Informations-, Beratungs- und Versorgungsbedarfen von
Betroffenen, Familien und Angehörigen in der Nachsorge und Teilhabe
angemessen gerecht wird
8. Ausbau von Medizinischen Zentren für erwachsene Menschen mit
Behinderungen (MZEB) und für schwerst-, mehrfach, chronisch und
beatmungspflichtige Kranke
9. Aufbau einer zentralen Koordinierungsstelle zwecks Entwicklung und
Etablierung einer überregionalen internetbasierten Informationsplattform
(„Interaktive Versorgungslandkarte“) zur freien Nutzung für alle an der
Behandlung, Rehabilitation, Pflege, Therapie, Nachsorge und Teilhabe
beteiligten Akteure
10. Einbeziehung der Bedürfnisse und Erfahrungen von Betroffenen und
Angehörigen sowie der neurokompetenten Fachverbände,
Behindertenorganisationen und Neuro-Netzwerke in die Planung der
gesundheitlichen Versorgung und Versorgungsforschung
11. Einbeziehungen der Erfahrung und Erkenntnisse von Behindertenbeiräten,
Selbsthilfe- und Behindertenorganisationen in Planung und Umsetzung
gesetzgeberischer gesundheitlicher Aktivitäten, damit deren Perspektiven,
Bedarfe und Bedürfnisse als „Experten in eigener Sache“ von Anfang an
partizipatives Gehör und Gewicht finden
12. Gleichwertige Stimmberechtigung der Patientenvertretung im Gemeinsamen
Bundesausschuss (G-BA) der Selbstverwaltungsorgane bei der Festlegung der
Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Dieser Forderungskatalog wird als Pressemitteilung allen politisch Verantwortlichen
sowie den entsprechenden Fachverbänden und Behindertenorganisationen im Weser-
Ems-Gebiet bekannt gegeben!


Oldenburg, den 12. Mai 2020

Prof. Dr. Andreas Zieger Waltraut Grübel
Vorsitzender Stellvertretende Vorsitzende

Daniel Siemer Jan Mühlena
Schriftführer Kassenwart

Karin Weber Svenja-Marie Bösing
Sprecherinnen der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit und Fortbildung (AGÖ)

www.neuronetzwerk-weser-ems.com


VI Beigezogene Quellen

Abilitywatch.de; Charité; Deutschlandfunk; Deutsches Ärzteblatt; Kobinet.org; medRxiv;
Medscape; NWZ-Nordwestzeitung; FAZ-Frankfurter Allgemeine Zeitung; RKI-Robert Koch
Institut; RUNDBLICK; SZ-Süddeutsche Zeitung; UN-BRK Behindertenrechtskonvention der
Vereinten Nationen; UKE-Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; Wikipedia u.v.m.


VII Ausgewählte Referenzen

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BAR - Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (2014) Phase E der neurologischen
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de/fileadmin/dateiliste/publikationen/empfehlungen/downloads/BAREmpfPhase
E.web.pdf (Zugriff am 17.10.2019)
Bender A, Adrion C, Fischer L (2016) Langzeitrehabilitation von Patienten mit erworbenen
Hirnschädigungen. Eine randomisierte kontrollierte Studie zu einem intensiven
teilhabeorientierten ambulanten Therapieprogramm. Dtsch Arztebl Int 113: 634-641;
https://www.aerzteblatt.de/archiv/182150/Langzeitrehabilitation-von-Patienten-miterworbenen-
Hirnschaedigungen (Zugriff am 24.10.2019)
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Bormuth M „In der Krise von Karl Jaspers lernen“ NWZ-Gespräch vom 23.04.2020
DIVI - Link zur überarbeiteten Stellungnahme vom 23. April 2020:
https://www.divi.de/aktuelle-meldungen-intensivmedizin/triage-bei-covid-19-wirentscheiden-
nicht-nach-alter-oder-behinderung-intensiv-und-notfallmedizineraktualisieren-
klinisch-ethische-entscheidungsempfehlungen
DVfR - Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (2013/2014) Phase E der Neuro-
Rehabilitation als Brücke zur Inklusion;
http://www.dvfr.de/fileadmin/download/Stellungnahmen/Neuro-
Reha_Phase_E_ausführliches_Diskussionspapier_DVfR.pdf (Zugriff 17.10.2019)
Gonschorek AS (2016) Schädel-Hirn-Verletzungen. Qualitätsstandards in der gesetzlichen
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am 15. Mai 2020)
Zieger A (2020) Ethische Überlegungen in der klinischen Behandlung und nachklinischen
Versorgung von Menschen nach schwerer Hirnschädigung. http://www.azieger.
de/Dateien/Vortraege/FolienVortragZieger-Ethische-ueberlegungen-2020.pdf
(Abruf am 15. Mai 2020)
Zizek S (2020) Pandemic! COVID-19 Shakes the World. Politybooks.com;
https://politybooks.com/ (Abruf am 15. Mai 2020)


VIII Danksagung

Mein Dank gebührt Frau Waltraut Grübel für die konstruktive Korrekturhilfe.


IX Angaben zum Autor

Prof. Dr. med. Andreas Zieger
Vorsitzender des Vereins „Neuro-Netzwerk Weser-Ems e.V.“ – Nachsorge und Teilhabe für
Menschen mit Hirnschädigung und neurologischer Beeinträchtigung
c/o Paritätischer Wohlfahrtsverband Oldenburg/Ammerland
Ziegelhofstr. 125-127
26121 Oldenburg
a.zieger@t-online.de
Mobil 0171 743 0 685
www.neuronetzwerk-weser-ems.com

Apl. Prof. Dr. med. Andreas Zieger
Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik
CvO Universität Oldenburg
Postfach 2503
26111 Oldenburg
andreas.zieger@uni-oldenburg.de
www.a-zieger.de

Privat:
Ziegelhofstr. 57
26121 Oldenburg
0441/882751
a.zieger@t-online.de
www.a-zieger.de

 

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