Neue Themenwoche gestartet

Zukunftswerkstatt als kreative Methode, um hirntraumatische Ereignisse zu bearbeiten.
Das ist der Titel unserer neuen Themenwoche, die am 13. Febraur 2012 startet. Autor ist Dr. Carsten Rensingshoff vom Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung.

Dokumentation einer Unterrichtsveranstaltung aus dem Wintersemester 2010/2011 mit Studierenden der Kathi-Lampert-Schule – Schule für Sozialbetreuungsberufe – in Götzis in Österreich.

Eine Zukunftswerkstatt ist ein Soziales Problemlöseverfahren, welches soziale Probleme  – die in diesem Fall für das schwere hirntraumatische Ereignis verantwortlich sind – kreativ bearbeitet. Die Problemlösung erfolgt in drei Phasen:

  1. Beschwerde- und Kritikphase: Hier wird das Belastende, das Störende, das Zermürbende, das Problem aufgedeckt.
  2. Phantasie- und Utopiephase: Mit viel kreativer Phantasie wird die Realität überwunden und ein Wunschhorizont aufgebaut. Die Teilnehmenden der Zukunftswerkstatt schweben quasi «auf Wolke sieben».
  3. Verwirklichungs- und Praxisphase: Die Zukunftswerkstattteilnehmenden haben nun wieder Boden unter den Füssen und planen in dieser Phase realisierbare Projekte.

Im Wintersemester 2010/2011 haben sich Studierende des ersten Semesters der Kathi-Lampert-Schule (Schule für Sozialbetreuungsberufe) in Götzis/Österreich in einer Zukunftswerkstatt mit den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse auseinandergesetzt. Textgrundlage waren die Erfahrungsberichte aus Rensinghoff (2006). Bei den hirntraumatischen Ereignissen handelt es sich um folgende Begebenheiten:

  • ein Kleinhirnbrückenwinkelmeningeom;
  • ein schweres Schädel-Hirntrauma nach Strassenverkehrsunfall;
  • eine spontan auftretende Hirnblutung ohne körperlicher Ursache;
  • eine spontanen Gehirnblutung, welches aus einem angeborenen Aneurysma frontal rechts (ramus communicans) entstanden ist.

Beschwerde- und Kritikphase
In dieser Phase wird der Ist-Zustand, der für das jeweilige hirntraumatische Ereignis verantwortlich war – und zur Klarstellung sei hier angemerkt das tatsächlich die seinerzeit gegenwärtige Situation das hirntraumatische Ereignis begünstigt hat -, aufgedeckt und kritisch betrachtet. Dafür werden unterschiedliche Schritte durchlaufen.

Kritik sammeln im Plenum
In dieser Phase haben die Studierenden, die an der Zukunftswerkstatt teilgenommen haben, die Kritikpunkte genannt, die ihnen nach dem Lesen  der Geschichten von jungen Menschen nach einem hirntraumatischen Ereignis spontan einfielen:

  • Verantwortung abschieben
  • Emotionale Erregung
  • Keine Vorerkrankung
  • Wechselwirkung
  • Alkohol ist Schuld
  • Kollegen sind Schuld
  • Partner ist Schuld
  • Arbeitsstelle ist Schuld
  • Nikotinkonsum
  • vorher war ich gesund
  • Pille
  • Ungesunder Lebensstil
  • neue Möglichkeiten
  • idiotischer Autofahrer
  • andere Denkweise
  • Schicksal akzeptieren

Gewichten durch Punktvergabe
Die Studierenden haben anschliessend die Kritiken mittels eines Punktesystems bewertet. Auf diese Weise wurde die Wichtigkeit der Nennungen aus der Perspektive der Studierenden ermittelt.

1 Punkt: Verantwortung abschieben; emotionale Erregung; Wechselwirkung; Kollegen sind Schuld; Arbeitsstelle hat Schuld; Nikotinkonsum; Pille
3 Punkte: vorher war ich gesund; ungesunder Lebensstil; andere Denkweise
4 Punkte: keine Vorerkrankung vorhanden
6 Punkte: Schicksal akzeptieren

Rubrizieren der Nennungen
Nun sollten die Studierenden ihre bepunkteten Nennungen rubrizieren. Dabei wurde im Klassenzimmer nach dem Dominoprinzip vorgegangen, d. h., Verschiedenes nebeneinander und Ähnliches untereinander . In der Dokumentation hat sich die folgende Darstellungsweise als vorteilhaft erwiesen:

Verantwortung abschieben:
Alkohol  ist Schuld; Kollegen  sind Schuld; Partner  ist Schuld; Arbeitsstelle ist Schuld; idiotischer Autofahrer
Emotionale Erregung:
idiotischer Autofahrer; vorher war ich gesund; keine Vorerkrankungen
Ungesunder Lebensstil:
Nikotinkonsum; Pille; Alkoholkonsum; Wechselwirkung
Andere Denkweise:
Schicksal akzeptieren; neue Möglichkeiten; Verantwortung abschieben

Phantasie- und Utopiephase
In der Phantasie- und Utopiephase wird die Kritik mit sozialer Kreativität und sozialer Phantasie überwunden. Hier wird in mehreren Schritten ein Wunschhorizont aufgebaut. Das Schweben «auf Wolke sieben» ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Positiv werden durch Negativ-Positiv-Spiel
Bei diesem Spiel, welches das positive Phantasieren vorbereitet, wird von der Moderation ein negativer Begriff genannt, zu dem eine Teilnehmende bzw. ein Teilnehmer das positive Gegenteil nennt. Zum Beispiel:
Krieg – Frieden
kalt – warm
krank – gesund
Stress – Ruhe u. s. w.

 Brainwriting zu den Kritikrubriken
«Beim Brainwriting geht es um das freie Assoziieren; Gedanken, Ideen ohne Restriktionen freien Lauf zu lassen. Im Gegensatz zum Brainstorming schreiben die Teilnehmenden ihre Ideen auf» (Kuhnt & Müllert, 1996, 210):

Verantwortung abschieben und emotionale Erregung:
ich bin nicht krank; ich liebe alle Menschen; es gibt keine Autofahrer; ich liebe meine Kollegen; ich liebe meinen Partner; mir gefällt meine Arbeitsstelle; mir geht es gut; es gibt keinen besseren Job; es gibt keine Krankheiten; alle Menschen sind gesund; es gibt nur gute Autofahrer; kein Mensch muss mehr arbeiten; freie Liebe für alle; jeder Schluck macht gesund; es gibt keine Schuld
Andere Denkweise:
sich lieben; sonniges Denken; sei gut zu dir; Zeit für sich haben; neue Sichtweise; Kraft schöpfen; Flügel wachsen lassen
Ungesunder Lebensstil:
es gibt alles im Überfluss; Alkohol aus dem Wasserhahn; Pille ohne Nebenwirkungen und in allen Geschmacksrichtungen

Paarauswahl der originellsten Ideen
Zwei Paare haben sich für zwei originelle Ideen entschieden und eine Dreiergruppe hat sich für drei originelle Ideen entschieden. «Aus der [..] Liste faszinierender Ideen […] muß eine Auswahl getroffen werden. Es wird nach den absoluten ‹Hits›, dem Neuen, den Erfindungen gefahndet» (Kuhnt & Müllert, 1996, S. 92):
Flügel wachsen lassen; mir geht es gut; sei gut zu dir; sonniges Denken; Zeit für sich haben; kein Mensch muss mehr arbeiten; freie Liebe für alle

Rubrizieren der ausgewählten Ideen nach dem Dominoprinzip
Die Studierenden sollten ihre Nennungen in Rubriken nach dem Dominoprinzip ordnen, d. h. Verschiedenes nebeneinander und Ähnliches untereinander. Für die Darstellung in der Dokumentation hat sich die Folgende bewährt:

1.    Sei gut zu dir; mir geht es gut; Flügel wachsen lassen; Zeit für sich haben; sonniges Denken
2.    Kein Mensch muss mehr arbeiten; Zeit für sich haben
3.    Freie Liebe für alle; Zeit für sich haben

Verwirklichungs- und Praxisphase
In der Verwirklichungs- und Praxisphase kehren die Teilnehmenden der Zukunftswerkstatt wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie haben gewissermaßen wieder Boden unter den Füßen. Dieser Zustand führt nun dazu, dass die sinnvollen Phantastereien auf ihre Realisierbarkeit überprüft werden.

Präzisieren der Ideenrubriken durch Übersetzungen
«Übersetzungen sind erste Pfeiler für die Brücke in die Realität. Die faszinierenden Ideen – seien sie auch noch so utopisch – sind die Essenz der Phantasiephase. Sie zu fassen und nutzbar zu machen, heißt Übersetzungsarbeit. Die Ideenrubriken werden gedeutet, mit anderen Worten umschrieben und interpretiert, auf ihren Gehalt hin abgetastet» (Kuhnt & Müllert 1996, S. 98):

Ad 1. Körperliches und geistiges Wohlbefinden
Ad 2. Sinnvolle und geregelte Beschäftigung
Ad 3. Sexualität

Drei Forderungen zu einer ausgewählten Rubrik in Kleingruppen aufstellen
«Die Forderungen sind Bindeglied zwischen den noch schwebenden, faszinierenden Ideen und den nachfolgenden Projektumrissen. In diesem Zwischenstadium scheinen langfristige Perspektiven auf, eröffnen sich Spannweiten von Aktivitäten und können unterschiedliche Interessen nebeneinander stehen. Die Teilnehmenden müssen in Bezug zum Thema klären, was sie mit ihren neuen Ideen verändern wollen» (Kuhnt & Müllert, 1996, S. 100).

Ad Rubrik 2:
Stärken zu beleuchten; Erholungsphasen; gerechte Entlohnung
Ad Rubrik 3:
Sexuelle Aufklärung für alle; sexuelle Freiheit; keine sexuelle Unterdrückung

Projektumriss zu einer Forderung im Plenum schreiben
«Während die Forderungen Handlungsspielräume aufdecken, geht es nun um die Realisierung von Teilaspekten. […] Die praktische Umsetzung sollte beispielsweise in einen Schritt, eine Aktion, eine Maßnahme münden» (Kuhnt & Müllert, 1996, S. 103). Zu den oben genannten Forderungen haben die Studierenden mit hohem Engagement Projektumrisse zu zwei Forderungen erarbeitet:

Projektumriss 1:
Was soll umgesetzt werden? Stärken beleuchten
Wie soll das umgesetzt werden? Durch Beratung, Workshops, Supervision, Beziehungsarbeit …
Wer mit wem setzt das um? Eine Bezugsperson mit einem Klienten
Wer übernimmt die Verantwortung? Die Bezugsbetreuungsperson
Wann und wo soll das umgesetzt werden? Februar 2011, in den Einrichtungen der Studierenden

Projektumriss 2:
Was soll umgesetzt werden? Sexuelle Aufklärung für alle
Wie soll das umgesetzt werden? Durch Gespräche, Medien, Expertenvortrag (Sexualtherapeut), Kleingruppenarbeit, Eltern und/oder Sachwaltergespräch
Wer mit wem macht das bzw. hilft dabei? Klient, Betreuer, Team, Experten, Angehörige
Wann und wo soll begonnen werden? Zeit abklären, jede Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer in ihrem bzw. seinem Bereich

Evaluationsblitzlicht
«Das Blitzlicht ist die bewährteste Form der Rückmeldung. Alle Teilnehmenden haben Sichtkontakt und werden aufgefordert, reihum oder in ungeordneter Reihenfolge ihre Eindrücke zum erlebten Prozeß zu äußern. Dabei sollten die Beiträge kurz, in wenigen prägnanten Worten im Raum ‹aufblitzen›. Alles wird stehengelassen, nichts wird diskutiert» (Kuhnt & Müllert, 1996, S. 106):

Interessant; das etwas andere Spiel; kompliziert; Lösungen; gute Vorschläge zum Fördern; herausfordernd

Es hat sich bei den Nennungen in der Blitzlichtevaluation gezeigt – und ihr hervorragendes Engagement in der gesamten Zukunftswerkstatt stand hierfür Pate -, dass die Studierenden durch derartige Settings gut und sinnvoll auf ihren beruflichen Alltag, der die Ausbildungssituation in der Kathi-Lampert-Schule ohnehin begleitet, vorbereitet werden.
Für die Forschung in diesem Feld – und insbesondere im Feld der Disability Studies (vgl. Hermes 2006; Waldschmidt 2006) – nicht unwichtig ist der Fakt, dass der Lehrende selbst mit den Folgen eines schweren schädel-hirntraumatischen Ereignisses lebt (vgl. Rensinghoff 2006, 17-20). Mit Bezug auf die Integration – früher – und Inklusion – heute – von Menschen mit Behinderung sei deshalb u. a. auf die Ausführungen Udo Siercks (2011, 11 f.) verwiesen, die er zur Sonderbeschulung gemacht hat, die sich aber auch auf die anderen Lebensbereiche übertragen lassen: «Die politische Behindertenbewegung verhielt sich gegenüber der Integration als Zauberwort skeptisch. Ich habe vor gut zwanzig Jahren (und da gab es das Zauberwort Inklusion auf dem Feld der Behinderten noch nicht – CR) formuliert: ‹Das schöne Wort ‹Integration› sollte näher betrachtet werden. Alle Integrationsmodelle werden gemacht, und zwar von nicht behinderten Eltern, Lehrkräften, Fachleuten. Sie bestimmen, welche Kinder und Erwachsenen wann, wo oder überhaupt integriert werden, sie sind es selbstverständlich auch, die beurteilen, ob diese Versuche als gelungen oder fehlgeschlagen gelten. Das Normalitätsdenken, der ständige Konfliktbereich zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen, fällt in den Beurteilungen und Überlegungen einseitig unter den Tisch – wer die Macht der Normalität auf seiner Seite weiß, hinterfragt sie nicht. Als integriert gilt folglich, wer sich so verhält, wie es vorgezeichnet und erwartet wird. Damit übt der unreflektierte Integrationswille einen enormen Anpassungsdruck aus auf die Werte und Normen der Leistung, des Verhaltens oder des Aussehens. ›»

Dr. phil. Carsten Rensinghoff
Kathi-Lampert-Schule
Vorarlberger Wirtschaftspark
A-6840 Götzis

Der Artikel wurde 2011 publiziert in: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik 17(Heft 7-8/2011)18-22

Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Witten

 

Literatur:
Hermes, G. (2006). Der Wissenschaftsansatz Disability Studies – Neue Erkenntnisgewinne über Behinderung? In: Hermes, G. & Rohrmann, E. (Hgg.). „Nichts über uns – ohne uns!“ Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher, 15-30.

Kuhnt, B. & Müllert, N. R. (1996). Moderationsfibel Zukunftswerkstätten: verstehen – anleiten – einsetzen; das Praxisbuch zur Sozialen Problemlösemethode Zukunftswerkstatt. Münster:Ökotopia Verlag.

Rensinghoff, C. (2006). Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine (auto-)biographische Studie. Sonderpädagogik 36, 16-25.

Sierck, U. (2011). Goldener Käfig a. D. – Identitätsfindung trotz Sonderschule. In: Mürner, C. & Sierck, U. (Hgg.). Behinderte Identität? Neu-Ulm: AG SPAK Bücher, 8-19.

Waldschmidt, A. (2006): Brauchen die Disability Studies ein „kulturelles Modell“ von Behinderung? In: Hermes, G. & Rohrmann, E. (Hgg.). „Nichts über uns – ohne uns!“ Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher, 83-96.

 

2 Kommentare

  1. Jan Haase schrieb am

    Sehr geehrter Dr. Rensinghoff,
    in welchem Rahmen wird die Zukunftswerkstatt schon für Menschen mit Hirnschädigungen angeboten. Gibt es dazu Erfahrungen?
    MfG
    J. Haase

    Antworten
  2. Carsten Rensinghoff schrieb am

    Sehr geehrter Herr Haase,

    die im Artikel beschriebene Zukunftswerkstatt wurde in einer Schule für Sozialbetreuungsberufe, das sind hier Schulen für Heilerziehungspflege, angeboten und durchgeführt. In meiner Dissertation habe ich die Soziale Problemlösungsmethode Zukunftswerkstatt als Forschungsmethode angewandt und mit Hirnverletzten durchgeführt. Die Ergebnisse liegen in meiner Dissertation vor. Für die Dissertation habe ich die Zukunftswerkstätten an unterschiedlichen Orten durchgeführt: Volkshochschulen, neurologischen Rehabilitationskrankenhäusern, Selbsthilfegruppen, Wohnheimen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Carsten Rensinghoff

    Antworten

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